Die Polen in der Schweiz(ein geschichtlicher Rückblick)
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Dr Jerzy Rucki
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(Vortrag gehalten am 20. März 1999 in Zürich aus Anlass des 10-jährigen Jubiläums der Gründung der Polnischen Katholischen Mission in Zürich) Schon
in frühen Zeiten haben Menschen aus den weiten Weichsel- und
Oder-Niederungen mit dem Gebiet zwischen dem Genfer- und dem Bodensee
Bekanntschaft gemacht. Es waren die Pilgere, welche auf den Jakobswegen
nach Santiago de Compostela die Schweiz durchquerten. Später,
bis etwa zu der Zeit der Aufklärung, waren es vor allem an Problemen der
Religion sowie an politischer und sozialer Philosophie interessierte
Polen, für welche die Schweiz
als ein starkes Magnet wirkte. Anschließend, und zwar seit ca. 1790 bis
heute, wurde die Schweiz wiederholt meistens zum sicheren Hort für
Polen, welche hier Zuflucht gesucht und auch gefunden haben. Als
"gelobtes Land" für Arbeitsuchende Polen kam indessen die
Schweiz nur selten in Frage. Zur
ersten geschichtlich belegten Begegnung der unbekannten Polen mit der
ebenfalls unbekannten Schweiz dürfte es im Jahre 1087 gekommen sein, und
zwar anlässlich der Reise einer polnischen Delegation nach St. Gilles in
der Provence. Auf der Rückreise bot sich den Polen die Gelegenheit, mit
der - noch nicht geborenen – Eidgenossenschaft "en passant"
Bekanntschaft zu machen. Dokumentiert
ist ebenfalls das Auftreten der "800 Pferde starken" polnischen
Delegation am Konstanzer Konzil (1414-1418). Mit ihren klugen und überzeugenden
Voten sind vor allem der Genesener Erzbischof Mikolaj Trąba als
gelehrter Theologe und Dogmatiker ("nos sicut Trąba"),
und der Professor der Krakauer Universität Pawel Wlodkowic als
Ankläger gegen den deutschen Ritterorden in die Geschichte des Konzils
eingegangen Die
nächsten wichtigen Kontakte datieren aus der Zeit der Reformation. Es
waren in erster Linie Calvin und Erasmus von Rotterdam, zu denen
viele polnische Humanisten - meistens Vertreter des
Hochadels - strömten Nach
der Gründung der Basler Universität richtete sich das Interesse vieler
Polen auf Basel. Dort wurde im Jahre 1495 das Basler Polonicum von
Wawrzyniec Korwin gedruckt. Auf die erste Drucklegung folgte im Jahre 1536
die zweite, nämlich das Werk von Andrzej Frycz Modrzewski "De Republica
Emenenda". Anschliessend
wurden dort Werke von Kopernik, Orzechowski, Łaski, Kromer u.a.
gedruckt Die
Schwedenkriege und die Periode der Sachsenkönige waren den Besuchen aus
Polen alles andere als förderlich. Erst in der Zeit der Aufklärung
verzeichneten die polnisch-schweizerischen Beziehungen eine
Wiederbelebung. Wie früher die Reformatoren Erasmus und Calvin, so fanden
jetzt die politischen Philosophen Voltaire und Rousseau
das Interesse vieler in die Schweiz pilgernden Polen, um nur Adam
Czartoryski, die Brüder Michał und Josef Mniszech und Piotr und
Wincenty Potocki zu nen-nen. Während Voltaire von einem Bewunderer des
letzten Polenkönigs zum bitteren Feind alles Polnischen wurde, blieb
Rousseau sein Leben lang Polen sehr positiv gesinnt. Es sind denn auch
seine Gedanken und Ideen, welche in Polen in der Verfassung vom 3. Mai
1791 (Europas erste schriftliche demokratische Verfassung) den
Niederschlag gefunden haben. Der
letzte Polenkönig Stanislaw August Poniatowski pflegte sehr enge Kontakte
mit der Schweiz. Er ging sogar so weit, dass er sich im August 1772 persönlich
an die Eidgenossenschaft
mit der Bitte gewendet hatte, sie möge in Berlin, Wien und Petersburg
wegen des Raubs polnischen Bodens intervenieren! Bevor
Polen definitiv zerstückelt wurde, trafen in der Schweiz die ersten
politischen Emigranten ein. Es handelte sich um eine Handvoll der glücklosen
Verschwörer von Bar. Polens
Wegradieren aus der Europakarte hatte zur Folge, dass die meisten
polnischen Patrioten das Schicksal ihrer Heimat eng mit Frankreich vor
allem aber mit Napoleon verbunden sahen. Um in der Nähe der erhofften
Beschützer und Retter zu sein, strömten sie in
Scharen auch die Schweiz. In
Italien und im Elsass wurden polnische Legionen aufgestellt. Das Projekt,
auch in der Schweiz eine Legion aufzustellen, musste aus politischen Gründen
aufgegeben werden. Die im Elsass gebildete Donau-Legion kam nicht zum
Einsatz und musste nach dem Frieden mit Österreich nach Savoyen verlegt
werden. Im Jahre 1801 durchquerten an die 7000 Legionäre in einem langen
Marsch Schaffhausen, Zürich, Bern und Genf um ans Ziel zu gelangen. Dies
war die erste Begegnung der Schweizer Bevölkerung
mit einer größeren polnischen
Militäreinheit. Waterloo
und der Wiener Kongress (1815) begruben alle Hoffnungen auf eine
Wiedergeburt der alten Rzeczpospolita. Eine allgemeine Apathie beherrschte
eine Zeitlang die Gemüter der Patrioten. Sogar der greise amerikanische
und polnische Nationalheld Tadeusz Kosciuszko, über Napoleons Politik
verbittert, hatte den Kampf aufgegeben und sich in der Schweiz
niedergelassen. Hier hatte er, übrigens als überzeugter Demokrat, bis zu
seinem Tode im Jahre 1817 enge Kontakte mit seinem Gesinnungsgenossen
Heinrich Pestalozzi gepflegt In
der Zeit zwischen dem Wiener-Kongress und dem Ausbruch des
November-Aufstandes im Jahre 1831 weilten
in der Schweiz neben Kościuszko auch andere bekannte Polen,
unter ihnen die Dichter Antoni Malczewski, Kazimierz Brodzinski und Zygmunt Krasinski. Das
Scheitern des Novemberaufstandes (1831) hatte einen großen Exodus
polnischer Patrioten zur Folge. Ihr
Ziel war erneut Frankreich; aber auch in der Schweiz und in Deutschland
suchten Tausende Zuflucht. Hier wurde verschiedentlich versucht,
eine Legion aufzustellen und sie zum Einsatz in Italien und im Rheinland
zu verwenden. Auch diese Pläne gingen fehl. In Anbetracht des Fiaskos verließen
die meisten Legionäre die Schweiz. Nur wenige von ihnen sagten den
Kriegsplänen ab und blieben in
der Schweiz. Hier haben sie das zivile Leben gewählt und als geschätzte
Lehrer und Kaufleute oder als erfolgreiche Industrielle (Beispiel: Antoni
Patek) Karriere gemacht. Auch
zwei Spitzenvertreter des waffenlosen Kampfes für die Freiheit ihres
Vaterlandes, nämlich die beiden Dichter Adam Mickiewicz und Juliusz Słowacki
weilten und wirkten eine Zeitlang in der Schweiz, deren
einzigartige Naturschönheiten sie in ihren Gedichten besungen hatten. Im
Januar 1863 brach der zweite Aufstand gegen Russland aus. Er überraschte
und erschütterte zutiefst die hiesige polnische Kolonie. Zwecks
Hilfeleistung an die Aufständischen wurden in größter Eile
Hilfskomitees gegründet. Das Zentrale Polnisch-Schweizerische Komitee,
dessen Sekretär Gottfried Keller war, übernahm die Koordinierung der
Leistungen. Polnischerseits hat sich im Zentralkomitee vor allem Graf Władysław
Plater (der spätere Gründer des Polenmuseums Rapperswil) durch seine nie
erlahmende Aktivität ausgezeichnet.. Mangels
Unterstützung seitens der "erprobten mächtigen Freunde" wurde
auch dieser Aufstand niedergeschlagen. Die zweite grosse Emigration
begann. Bereits im Jahre 1864 kamen rund
1800 polnische Flüchtlinge in die Schweiz. Sie wurden sowohl vom Volk wie auch von den Behörden mit zum Teil an Begeisterung grenzenden Sympathie empfangen. Im Gegensatz zu früher, rekrutierten sich jetzt die meisten Emigranten aus dem verarmten Adel, aus Handwerkern und Arbeitern. Zu den berühmtesten ge-hörte eindeutig der in österreichische Gefangenschaft geratene Oberbefehlshaber des misslungenen Januar-Aufstandes Marian Langiewicz. Um ihn aus der Gefangenschaft zu befreien, haben ihm die Gemeinden Kilchberg und Grenchen das Schweizer-Bürgerrecht verliehen. Mit Schweizerpass konnte er Österreich verlassen und in die Schweiz einreisen. Nach kurzem Aufenthalt in der Schweiz zog er weiter, um u.a. mit den Türken gegen Russland zu kämpfen. Die
Polen waren über die ganze Schweiz verteilt, mit Zentren in Genf, Zürich,
Bern, Lausanne, Fribourg, Basel und St. Gallen. Politisch war die neue
Emigration nicht einheitlich, und es gab Gruppierungen von äußerst
rechts bis äußerst links. Eines war ihnen aber gemeinsam:
Der Kampf um ein freies, unabhängiges Polen. Unter
den Emigranten gab aber auch verkannte Visionäre, so z.B. der in Genf
lebende General Hauke-Bosak. Selbst Emigrant, verteidigte er die
Notwendigkeit eines gerechten Krieges, was ihn aber nicht daran hinderte,
an ein Vereinigtes Europa zu glauben und diese Idee wo nur möglich zu
propagieren. Von dieser Idee beseelt, erließen er und seine
Gesinnungsfreunde im Jahre 1869, am Vorabend des deutsch-französischen
Krieges, den folgenden - mit heutigen Augen gesehen - historischen
Aufruf an Deutschland und Frankreich "Sagt zueinander:
Genug des Gemetzels, genug Verwüstungen, genug wilder Taten. Legen wir
die Waffen nieder, reichen wir uns die Hände, respektieren
wir gegenseitig unsere Unabhängigkeit. Statt auf den
Schlachtfeldern – wetteifern wir auf den fruchtbaren Augen des Friedens.
Das alte System des europäischen Gleichgewichtes, das zu vielen
kriegerischen Auseinandersetzungen
geführt hatte, gehört der Vergangenheit. Möge die Föderation freier Völker,
die Vereinigten Staaten Europas, einskünftig das gemeinsame Ziel unserer
Anstrengungen sein". Es mussten fast 100 Jahre mit zwei mörderischen Weltkriegen
vergehen bis Charles de Gaule und Konrad Adenauer sich über den Rhein die
Hand reichten. Am
Anfang des 20.Jahrhunderts trafen in der Schweiz die ersten
Arbeitsuchenden ein: die Saisonarbeiter. Ihre Zahl betrug am Anfang des
Krieges gegen 2000. Mit der Zeit konnten viele junge Polen in der Schweiz
studieren. In den Jahren 1880-1918 besuchten an die 4000 polnische
Studenten die schweizerischen Hochschulen in: Genf,
Zürich (ETH und Uni),
Bern, Fribourg und St. Gallen. Nebst Studenten waren an den Hochschulen
auch polnische Professoren anzutreffen. Zu den bekanntesten gehörten der
aus Zakopane stammende ETH-Professor und Gründer der EMPA, Ludwik
Tetmajer und die beiden späteren polnischen Präsidenten Gabriel
Narutowicz und Ignacy Mościcki, um nur die Spitzenvertreter zu
nennen. In dieser Zeit fingen auch die polnischen Seelsorger an, die
Emigranten religiös zu betreuen. (Nach der Wiedergeburt Polens kehrten
die meisten Emigranten in die Heimat zurück, wo auf sie die Erledigung
lebenswichtiger Aufgaben wartete). Der
Ausbruch des 1. Weltkrieges vereinigte die polnische Emigration in ihren
Hilfeleistungen an Kriegsgeschädigte und gefangene Mitbürger zu beiden
Seiten der Kriegsparteien. Darüber
hinaus absolvierten viele polnische Emigranten während der ersten
Kriegsjahre geheime militärische Ausbildung. (Um sich über den Stand der
Dinge zu überzeugen, besuchte Józef Pilsudski im Jahre 1914 die
Schweiz). Andere - es handelte sich um eine Handvoll international
bekannter Persönlichkeiten - machten ihr Möglichstes, um durch ihren
materiellen und geistigen Einsatz, sowie durch ihre internationalen
Beziehungen der Sache Polens die dringend nötigen
Dienste zu leisten. Zu ihnen gehörten u.a. Sienkiewicz, Paderewski,
Osuchowski, Dmowski, Wierusz-Kowalski u.a. Auch nach der Wiedererlangung
der Unabhängigkeit pilgerten viele Polen in die Schweiz. Laut Angaben des
polnischen Außenministeriums von 1926 setzte sich die in der Schweiz ansässige
polnische Kolonie wie folgt zusammen: reiche Kaufleute 20%,
Handelsreisende 25%, kleine Kaufleute 30%, Handwerker und Arbeiter 15%,
Uhrmacher 3%, Rentner und
Kurgäste 7%. 82% von ihnen
waren Israeliten und 18% Christen. In der Zusammenstellung sind Studenten
beider Konfessionen nicht berücksichtigt.
Die angehenden Rabbiner studierten in Genf, Bern und Zürich, und
die katholischen Priester und Kleriker in Fribourg. Das kulturelle Leben, das nach dem oben erwähnten Bericht "in der Schweiz am Absterben ist", konzentrierte sich praktisch auf Vevey, wo Paderewski, Opieński und Turczyński nach wie vor ihrer künstlerischen Tätigkeit huldigten. Rapperswil verlor nach der Überführung des Museums nach Warschau an Bedeutung, und Solothurn mit seinem Kościuszko-Museum blieb eher unbeachtet. Zur
Wiederbelebung der polnischen Kolonie und der freundschaftlichen
Beziehungen zwischen der Schweiz und Polen kam es erst mit der
Internierung der rund 13.000 polnischer Soldaten im Sommer 1940. Nach dem
überaus herzlichen Empfang und einigen Monaten bangen Wartens auf die
Weiterentwicklung wurden die Einheiten im Rahmen des Planes Wahlen über
die ganze Schweiz verteilt. In mehr als
450 Ortschaften haben die jüngsten polnischen
"Emigranten" während 4 Jahren
im Strassesbau, in der Urbarmachung, der Waldrodung, bei
Flussregulierungen und bei militärischen Anlagen an die 8.000.000
Arbeitstage geleistet. Die bis heute in der ganzen Schweiz verstreuten
Denkmäler ihrer Arbeit (Strassen, Brücken, Kanäle, Plastiken,
Gedenksteine, Weg Kapellen,
und Dankesurkunden) werden noch während Generationen stumme Zeugen der
harten Arbeit des polnischen Soldaten bleiben. Mit ihrem Einsatz, ihrer
Disziplin und ihrer Höflichkeit haben sich die Internierten Polen
Sympathie, Anerkennung und Hochschätzung des Schweizervolkes verschafft
und - nicht selten - die Herzen der Schweizerinnen erobert.
Auch
im Schulwesen, das aus drei Hochschullagern, einem Gymnasial- und
Lyzeallager, einem technischen, einem kaufmännischen und zwei
Primarschullagern bestand, wurden
Ergebnisse erzielt, die sich sehen lassen. Nicht unerwähnt dürfen
bleiben auch die Offiziersaspiranten-Kurse in den drei Hochschullagern und
die Weiterbildungskurse für Offiziere in Pfäffikon. Die Internierten
verfügten über ein zentrales Divisions-Orchester und ein
Divisions-Theater-Ensemble "Maryna". Jedes grössere Lager
besass seinen eigenen Soldatenchor. Über das Weltgeschehen wurden die
Internierten auf den Spalten des "Goniec Obozowy" (Der
Lagerbote) orientiert. Überaus
aktiv war das religiöse Leben der Internierten. In der ganzen Schweiz
wirkten 7 Divisions-Feldprediger, zu denen noch 4 zivile Priester zugestoßen
sind. An Sonn und Feiertagen war der Besuch der hl. Messe obligatorisch.
Die hl. Messen wurden entweder in den Dorfkirchen oder hoch in den Alpen
unter freiem Himmel zelebriert. Viele Schweizer, welche die Zeit der
Internierung miterlebt haben, erinnern sich noch heute an die von
hunderten gesunder Soldatenkehlen inbrünstig gesungenen polnischen
Kirchenlieder (vor allem "Boże coś Polskę" und
die Weihnachtslieder). Für
Internierte aus der ganzen Schweiz wurden in Einsiedeln sozireligiöse
Kurse durchgeführt. Zweck dieser Kurse war die Behandlung von wichtigen,
meistens aktuellen Problemen aus dem kirchlichen und sozialen Leben - in
der Regel unter Mitwirkung bekannter schweizerischer Seelsorger. Der
Vertiefung des religiösen Lebens und Empfindens dienten geschlossene
Exerzitien, welche meistens in abgelegenen Ortschaften durchgeführt
wurden. Dem Sprechenden werden die Exerzitien im thurgauischen Dussnang
unter der Leitung des sympathischen Kanonikus Sysk immer in Erinnerung
bleiben. Nach dem Abschluss der Internierung blieben definitiv rund 500 ehemalige Internierte in der Schweiz. Ihre Zahl ist bis heute auf rund 120 zusammengeschmolzen. Dafür wurde die Polenkolonie durch schubweißen Zustrom von neuen Asylsuchenden verstärkt, so etwa nach dem Tod von Stalin, zu Beginn der Gomolka-Ära, vor allem aber nach der Verhängung des Kriegszustandes im Jahre 1981. Die Zahl der in der Schweiz lebenden Polen wird heute mit rund 15.000 beziffert. Sie umfasst polnische Staatsbürger, Schweizerbürger polnischer Herkunft, sowie Bürger von Drittstaaten, ebenfalls polnischer Abstammung. Dr
Jerzy Rucki
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