Neues Büllacher Tagblatt – Mittwoch, 19.April 2000

Warum blieb ein Massenmord 50 Jahre tabu?

von Ernst R. Borer

 
 

 

50 Jahre lang konnte die Mär der Sowjets im Westen Glaubwürdigkeit finden, die deutsche Wehrmacht hätte die 15 000 Polen im Walde von Katyn ermordet! Aber nicht nur die Kommunisten waren an der Unterschlagung der Wahrheit beteiligt: der damalige US-Präsident Roosevelt und der britische Ministerpräsident Churchill taten nachweisbar alles, die wirkliche Urheberschaft des Massakers mit allen Mitteln verschleiern zu helfen, um sich die Gunst Stalins zu erwerben. Im Falle Katyn kamen nahezu alle Elemente der politischen Kriminalität zum Einsatz wie Bestechung, Erpressung, Verschwörung, Desinformation und - Mord. Die Katyn - Lüge war geboren, die ein halbes Jahrhundert die Weltöffentlichkeit am Narrenseil herumführte. Die Dauerhaftigkeit einer offiziellen Lüge dürfte in der Menschheitsgeschichte Einmaligkeit beanspruchen.

 

Wie das Ost-West-Kartell der Lüge funktionierte

 

Im April 1943 ging aus Deutschland die Meldung über den Gräberfund durch alle Medien. Moskau machte Hitlerdeutschland für den Massenmord verantwortlich. Es entstand ein Gerangel, wer eine Untersuchungskommission nach Katyn entsenden darf. Mindestens zwei Kommissionen nahmen jedenfalls eine Exhumierung der gefundenen Leichen vor, wobei die sowjetische die Täterschaft den Deutschen zuschob. Roosevelt erhielt jedoch 1944 von Sonderbotschafter Eagle Dokumente von hohen Rotkreuzvertretern vorgelegt, die eindeutig als Täter die Sowjets belegten, was Roosevelt jedoch nicht ins Konzept passte. Der Botschafter wurde nach Samoa strafversetzt. Roosevelt nannte Stalin freundschaftlich «Onkel Joe» und Onkels können doch nicht identisch sein mit Mördern.

 

Dann kam im Mai 1945 ein weiterer Dokumentenband ins Weisse Haus, verfasst von US-Oberst van Vliet, Mitglied einer Untersuchungskommission. Der Bericht als «top secret» klassifiziert, verschwand wegen der Schulderkennung der Sowjets und der Oberst wurde mit Schweigepflicht belegt.

 

Ein polnischer Journalist, der Katyn zwei Mal besucht hatte und zu demselben Ergebnis kam wie die Rotkreuzvertreter und der US-Oberst, erhielt von der polnisch-kommunistischen Regierung das Angebot von 2000 Dollars, wenn er seine Erkenntnisse revidiere und die Deutschen als Täter brandmarke.

 

Ein vom polnischen Justizminister mit einer Untersuchung der Todesstätte beauftragter Krakauer Rechtsanwalt im Jahre 1947, kam statt mit einer Schuldzuweisung an die Deutschen mit einer Liste mit den Namen von sechs NKWD-Offizieren (NKWD: Vorgänger des KGB), die an der Genickschuss-Aktion beteiligt waren. Wenige Tage später fand man den Rechtsanwalt tot in seiner Wohnung.

 

Mitglieder der von den Deutschen einberufenen Katyn-Kommission, die von den Sowjets verhaftet wurden, widerriefen ihre vorherigen Aussagen und verschwanden

 

spurlos. Spurlos aus England verschwand auch der einstige Einwohner des Dorfes Nowe Batioki bei Katyn, der die Transporte mit den polnischen Offizieren beobachtete. Es half dem Zeugen nicht, dass er sich einen neuen Namen gab, denn der lange Arm des KGB erreichte fast jeden, der auf dessen Fahndungsliste stand.

 

Gestapo wurde durch NKVVD geschult!

 

Die grösste exilpolnische Tageszeitung «Dziennik Polski» veröffentlichte 1985 einen Bericht, der einmal mehr aufhorchen lässt. Danach lud die Gestapo öfters NKWD-Experten ein, um sich von denen über Erfahrungen und Methoden beim Terror gegen die polnische Bevölkerung instruieren zu lassen. Eine erste Konferenz habe in Krakau just zum Zeitpunkt stattgefunden, da das NKWD in Katyn mit der Erschiessung der polnischen Offiziere beschäftigt war. Spätere Aktionen der Gestapo hätten darauf hingewiesen, dass deren «Mitarbeiter» beim NKWD zur Schule gegangen sein müssen.

 

Die Dimension des Katyn-Skandals, der hier nur in Bruchstücken Erwähnung finden konnte, ist aus der 1982 in London erschienenen «The Katyn bibliography» ersichtlich. Diese enthält 496 Publikationen, die den sowjetischen Terrorapparaten eindeutig die Urheberschaft des Massenmordes nachzuweisen vermochten.

 

Katyn-Tabu: Erfolg der Verschwörung des Schweigens durch ost-westliche Allianz

 

Es dürfte ideologisch links verankerten Historikern schwer fallen den Nachweis erbringen zu können, dem Fall Katyn dieselbe Gewissenhaftigkeit in Forschung und Öffentlichkeit wie im Fall Holocaust an den Tag gelegt zu haben. Katyn war und bleibt ein Fanal, wie politische Komplizenschaft und Propaganda, Manipulation und Diffamierung der Wahrheit, ein Volk in grosses Unheil zu stürzen vermachte. Mit der Erschiessung der 15 000 Offiziere wurde nämlich Polens gesellschaftliche Elite fast gänzlich liquidiert. Die grossen Verdienste Polens in der Niederkämpfung Hitlerdeutschlands (Monte Casino!) mit seiner in Katyn dezimierten Armee, hätte seitens der westlichen Alliierten zumindest eine objektive Haltung in der Aufklärung des Massakers erwarten lassen. Deren Gang durch die Niederungen der Politik liessen diese aber zu einem Tabu werden - ein halbes Jahrhundert!

 

Diejenigen aus allen politischen Lagern sind nun Lügen gestraft, die Haftung für das Verbrechen den Sowjets zuzuschieben sei primitiver Antikommunismus und deren psychologische Kriegsführung hätte nur aus kalter Luft bestanden. Es bedurfte des Zusammenbruchs des totalitären Kommunismus, um die Wahrheit über Verbrechen und Verschwörer zu erfahren. Deshalb: Auch der linkstotalitäre Holocaust erfordert Offenlegung!

 

                      von Ernst R. Borer

 

Von Redaktion: Wir danken dem Author für Zusendung dieses Artikels.