Die Bürgergemeinde der Stadt Solothurn

 und ihre Verbindungen zu Polen.

 

Für die Feier vom 7. Oktober 2000 zum 185. Jahrestag der Ankunft von T. Kosciuszko in Solothurn erhielt ich als amtierender Präsident der Bürgergemeinde der Stadt Solothurn freundlicherweise eine Einladung vom Organisator, von Herrn Dr. J. A. Konopka in Genf. Im Begleitschreiben zur Einladung begründete er diese damit, dass T. Kosciuszko vor 185 Jahren während mehr als zwei Jahren in unserer Bürgergemeinde angemeldet gewesen sei und da gelebt habe.

 

Diese Bemerkung, der Besuch der sehr würdigen und schönen Feier vom 7. Oktober und daselbst das Kennenslernen vom Chefredaktor der polnischen Zeitung in der Schweiz, Herrn Lic. iur. T. M. Kilarski, haben mich auf die Idee gebracht, den Lesern eben dieser Zeitung von unseren heutigen Verbindungen zu Polen zu berichten.

 

Die Bürgergemeinde der Stadt Solothurn verwaltet und betreibt seit 1466 ein Rebgut in Le Landeron im Kanton Neuchatel. Niklaus von Wengi, ein hervorragender Staatsmann, welcher im 15. Jahrhundert den Solothurnern entscheidend zu Herrschaftsgebieten und zu Bedeutung verhalf, vermachte sein ganzes Hab und Gut, da kinderlos geblieben, dem Bürgerspital Solothurn. Dieses wurde bis in die 1960iger Jahre durch die Bürgergemeinde als Eigentümerin betrieben. Aufgrund der regionalen Bedeutung und vor allem auch aus finanziellen Gründen, wurde es an den Kanton abgetreten. Die Reben aber aus dem oben erwähnten Vermächtnis blieben bei der Bürgergemeinde.

 

Das Rebgut umfasst heute rund 11.2 Hektaren, das heisst, es sind 60'000 bis 70'000 Rebstöcke in den Gemeinden La Neuveville (BE), Le Landeron, Cressier, Auvernier und Colombier (alle NE) jährlich zu schneiden, im Wachstum zu pflegen, teilweise zu entiauben und schliesslich auch abzulesen. Alle Arbeiten, bis auf den Leset, werden von unseren 3 Angestellten, teilweise unter Beizug von Aushilfskräften aus dem näheren Umfeld, ausgeführt. Während der Erntezeit aber brauchen wir, da aus Qualitätsgründen alle Trauben von Hand abgelesen werden, viel zusätzliches Personal.

 

Nun, werden Sie fragen, was hat dies alles mit Polen zu tun? Die Antwort ist folgende: Rund 16 Personen reisen seit vielen, vielen Jahren speziell für den Leset im Rebgut der Bürgergemeinde der Stadt Solothurn von Polen in die Schweiz. Die meisten dieser Personen stammen aus der Stadt Lubin oder haben zumindest verwandtschaftliche Beziehungen zu Personen aus Lubin. Im ganzen lesen 18 bis 20 Personen Trauben, mit 16 Personen stellen die Polen also den Hauptharst und es darf deshalb schon gesagt werden: Die Trauben der Bürgergemeinde der Stadt Solothurn werden von polnischen Staatsbürgern geerntet!

Die Ernte ist streng und ermüdend, vor allem für den Rücken. Geerntet wird normalerweise von morgens 07.30 Uhr bis Mittag, dann eine Stunde Pause und wieder bis ca. 17.00 Uhr, manchmal auch etwas länger, manchmal auch etwas weniger lang, je nach Wetter und verfügbaren Kapazitäten im Keller. Dieses Jahr zum Beispiel wurden an insgesamt 9 ganzen Lesetagen etwas über 102 Tonnen Trauben gelesen, im Schnitt also über 11 Tonnen pro Tag, am Spitzentag waren es sogar über 16 Tonnen oder rund 900 kg pro Person! Eine grossartige Leistung, welche erst noch lachend und singend erbracht wird!

 

Als Bürgergemeindepräsident bin ich zugleich auch Rebgutsverwalter, deshalb bin ich wenn immer möglich während der ganzen Erntezeit im Rebgut um mitzuhelfen und dadurch auch meiner Aufgabe und Verantwortung gerecht zu werden. Mir obliegt dann die ganze Organisation im Rebberg, so das Bereitstellen der Lesebehälter, der Transportkaretten, der Transportbehälter, dann auch der Transport des abgelesenen Traubengutes in den Keller in Le Landeron, wo die Verarbeitung durch den Rebbauer erfolgt. Durch diese Aufgabe habe ich den ganzen Tag Kontakt mit allen im Rebbetrieb während der Ernte tätigen Personen, so also auch mit den äusserst sympathischen und liebenswürdigen polnischen Helfern.

Jedes Jahr freuen wir uns beidseitig von Herzen über das Wiedersehen, auch Herzlichkeit und Zuneigung sind gegenseitig. Obwohl wir uns sprachlich nur relativ schlecht verständigen können - ich spreche deutsch, französisch und ganz wenig und nur schlecht englisch, die Polen natürlich polnisch, zum Teil ein wenig deutsch oder englisch - verstehen wir uns grossartig und haben es in den kurzen Pausen und in der wenigen gemeinsamen Freizeit sehr gemütlich und lustig. Schönes Wetter geniessen wir gemeinsam, bei schlechtem Wetter leiden wir zusammen. Bei einem gemeinsamen Nachtessen am Schlusse des Leset's wird jeweils bis spät in die Nacht gesungen, es werden polnische Reigen getanzt und Spiele gemacht. Der anschliessende Abschied für ein Jahr fällt dann allen relativ schwer und eine wunderschöne Zeitperiode gehört der Vergangenheit an.

 

Im Namen der Bürgergemeinde der Stadt Solothurn danke ich auch an dieser Stelle unseren polnischen Helfern ganz herzlich für ihre Treue, ihre Zuneigung, ihren Humor, die unseren hohen Ansprüchen - speziell in Bezug auf die Qualität des geernteten Traubengutes - entsprechend gute Arbeit und hoffe auf ein freudiges Wiedersehen im September 2001!

 

Allen Lesern der polnischen Zeitung in der Schweiz, aber auch dem Lande Polen mit seiner ganzen Bevölkerung wünsche ich von Herzen alles Gute, Glück und Erfolg.

 

Christoph Oetterli

Bürgergemeindepräsident