Maria Nowak-Grebska, Jerzy Grebski, Krzysztof Podolczynski

Zum Andenken an Doktor Max Keller…

Am 20. Mai 2000 verstarb Dr. Max Keller. Bei seiner Beisetzung auf dem Bremgartenfriedhof in Bern nahm auch eine kleine Gruppe von Polen von ihm Abschied.

Diesem klugen und mutigen Menschen widmen wir Worte des Dankes und der Erinnerung.

Max Keller ist im l914 in Genf zur Welt gekommen. Bald zog seine Familie nach Bern, wo er die Schule absolvierte und im Wintersemester 1935/36 an der Universität das Studium des Rechtswissenschaft begann. Der für 193 9/40 vorgesehene Abschluss wurde aufgrund des Aktivdienstes bis 1943 hinausgeschoben, wonach er die Fürsprecher- und die Doktorprüfung ablegte. Aus dieser Zeit stammt seine erste Begegnung mit Polen, welche nicht die letzte bleiben sollte.

Nach dem Fall Frankreichs im 1940 wurde er Zeuge des Einschreitens polnischer Soldaten in die Schweiz. Während die Franzosen gleich einer trauriger Masse in die Schweiz flüchteten, ohne Gewähr, ohne Hoffnung und stets wiederholend sagten:" la guerre est fini", schritten polnische Soldaten als ganze Brigade über die Grenze, ohne die Hand von der Waffe zu lassen. Dies erweckte im jungen Leutnant Achtung und Hoffnung: es wurde ihm bewusst, dass man doch noch kämpfen kann, ja sogar muss.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er als Delegierter des Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) nach Berlin. Selbst beschrieb er die damaligen Ereignisse so: "Die Kriegs-Schäden und die Not erschütterten mich. Berlin lag mitten in der sowjetischen Besatzungszone. Es kam die Zeit der Blockade, der Gegenblockade, die Umwandlung der Sowjetzone in die DDR.

In Berlin lebten etwa 12000 Schweizer-Bürger. Als diese von der Schweiz aus mit Naturalien und Geld unterstützt wurden, wurde mir diese Aufgabe von der Eidgenössischen Zentralstelle für Auslandschweizerfragen anvertraut. Für die Kommunisten war es unvorstellbar, dass eine solche Hilfstätigkeit ohne politische Zwecke erfolgte. Sie beobachteten uns scharf, konnten aber nichts entdecken - weil eben nichts war."

Die in Berlin gesammelten politischen Erfahrungen und die Generalstabkurse, die er in der Schweiz besuchen konnte, erlaubten ihm im Sommer 1958 einen Posten als Militärattache in Warschau anzunehmen. Der fünfjährige Aufenthalt in Polen ermöglichte ihm das in der sogenannten "freien Welt" schwach verstandene totalitäre System zu beobachten. Er hat seine Kenntnisse der polnischen Geschichte vertieft und die polnische Seele begreifen gelernt, welche von der Abgeschiedenheit von restlichen Europa geprägt war.

Es gelang Ihm seine Kenntnisse der polnischen Sprache so zu verfeinern, dass er sogar Bücher und Feuilletons des Stefan Wiecheckis, eines berühmten Publizisten und Kenners der Warschauer Gassensprache regelrecht verschlang. Und nicht nur dies: Er war wahrscheinlich der einzige Schweizer der ihn nicht nur zu lesen sondern auch seinen Witz zu verstehen vermochte.

1963 kehrte Er in die Schweiz zurück und kam 1970 in die Direktion des Bundesamtes für Zivilschutz. "Konzeptionelle Differenzen mit dem Departementvorsteher - wie Dr. Keller schrieb - führten 1974 zur vorzeitigen Pensionierung." Von da an arbeitete er im Schweizerischen Ost-Institut in Bern, praktisch bis zu dessen Auflösung (nach der "Wende" in 1989).

Wir lernten Dr. Max Keller zu Beginn des Jahres 1982 kennen, als wir nach der Verhängung des Kriegszustandes in Polen - als Delegation der unabhängigen Gewerkschaft "Solidarnosc" - auf Schweizer Boden festgehalten wurden.

Er kannte und verstand die politische und gesellschaftliche Situation in unserer Heimat ausgezeichnet und wurde unser Cicero innerhalb der politischen Schweiz. Aus unserer verlorenen und locker zusammengewürfelten Gruppe von Gewerkschaftlern musste eine politisch tätige Vereinigung entstehen. Bei Fragen und Problemen stiessen wir bei Dr. Max Keller immer auf ein offenes Ohr und Herz. Er bereicherte unsere politischen Texte aufs Wertvollste - nicht nur durch sprachliche Korrektur sonder durch unschätzbare Hinweise und Tipps. Ob es sich nun um einen Aufruf an die Schweizer zum Flüchtlingstag handelte, ob es nun den Auftritt zur Entgegennahme des Nobelpreises durch Lech Walesa oder ob es nun ein Verständigungsschreiben zwischen den unabhängigkeitsorientierten Bewegungen von Osteuropa ging, immer konnten wir auf seine Hilfe zählen.

Als nach dem Jahre 1989 unsere politischen Tätigkeiten in den Hintergrund traten und anstelle des totalitären ein bisher nicht gesehenes Antlitz des wirtschaftlichen Leides einen Schatten über Polen warf, wandten wir uns dem Bereich der charitativen Hilfe zu. Mit dem gleichen grenzenlosen Engagement wie bei den politischen Angelegenheiten bot Dr. Max Keller auch bei unserer charitativen Organisation "Herzbrücke nach Polen" eine helfende Hand. 1989 wurde er zum Vizepräsidenten unseres Vereins gewählt und blieb in aktiver Weise tätig, fast bis zum seinen letzten Tag.

In einem an uns gerichteten Brief gedenkt Frau Luzia Keller-Schönenberger ihres Mannes wie folgt:" Mein Mann hat Polen wie eine zweite Heimat geliebt. Er hat mit dem Volk gelitten, er hat sich über jeden Erfolg gefreut".

"Amicas certus in re incerta cernitur" . Dr. Max Keller war immer der sichere Freund in unsicherer Sache und in unsicheren Zeiten erkannt. Wir werden ihn in dankbarer und bleibender Erinnerung behalten.

Maria Nowak-Grebska, Jerzy Grebski, Krzysztof Podolczynski