|
Schlesien in schwarzweiss Ausschnitte
aus einem Interview von Marek Baster mit Lorenzo Castore in der grössten
polnischen Tageszeitung: Gazeta Wyborcza. ...
Ich suchte nach einer Region, die re-präsentativ ist für die
industrielle Entwicklung Europas, wo man das Gestern und Morgen dieses Phänomens
erleben kann; ich wollte von der sozialen, kulturellen und religiösen
Eigenart der Menschen dort berichten. ...
Schlesiens Schönheit ist in den letzten 200 Jahren begründet. In dem,
was von dieser Geschichte lebendig blieb in den Gebäuden mit ihren
Hinterhöfen, in den Friedhöfen neben den Toren der Bergwerke, in
Hunderten von Fördertürmen der Zechen. ...
Ich war entschlossen, in die Minen mit einzufahren, um die eigenartige
Atmosphäre Untertage in mich aufzunehmen. Wegen der Brandgefahr war es
dort nicht möglich, mit Blitzlicht zu fotografieren; ich glaube, es ist
mir gelungen, diesem Umstand fotografisch gerecht zu werden.
Jeden Morgen um 5:30 Uhr fuhren wir hinab in den Stollen und kamen
erst am Nachmittag zurück. Dann sassen wir mit den Kumpels beim Bier.
Manchmal waren es auch etliche Wodkas. Wir blieben zu-sammen, denn ein Rückzieher
wäre undenkbar ... es gehört zur ihrer Kultur. Ich gewann zunehmend
grosse Hochachtung vor ihrer Arbeit und der Art zu leben. Diese Menschen
strahlen eine enorme Herzlichkeit und Kameradschaft aus, wir haben uns
sehr schnell angefreundet.... Mit den Bergleuten blieb ich einen Monat
zusammen. ...
Ich war auch in ihren Häusern... doch am meisten faszinierten mich ihre
Arbeits-orte, sie wurden zum Schlüssel für mein Verständnis der
kulturellen Entwicklung dieser Region, hier konnte ich am besten die
weitere Entwicklung vorausahnen. ...
Nach einiger Zeit merkte ich, dass sogar diejenigen, die einzig wegen der
Arbeit hier zugezogen waren, sich sehr bald heimisch fühlten ...
Schlesien absorbierte die Menschen schnell und es wurde zu ihrer Heimat.
Das zweite Thema ist die Religion. Es interessierte mich weniger
die polnische Kirche, als vielmehr der einfache Pfarrer und das Leben der
Gläubigen. Während zwei Wochen begleitete ich Pater Jere mias. Er erwies
sich als aussergewöhnlich; seine Gemeinde ist wie eine Familie, die er
mit väterlicher Strenge umsorgt. Wie
ist Schlesien ? - Ehrlich
gesagt, fühle ich mich hier wie zu Hause. Ich bin Italiener und dort sind
meine Wurzeln, wenn man aber fragte, wo ich mich ausserhalb Italiens am
besten fühle, so wäre die Antwort: in Schlesien. Dieses Land schafft mit
Leichtigkeit Schlesier und ich bin ein Beispiel dafür – obwohl ich hier
nur wenige Monate gelebt habe. ...
Begeistert hat mich ihr Arbeitsethos, ihr Pflichtbewusstsein und ihre
Familienver-bundenheit. Hier adelt die Arbeit. Nirgendwo habe ich soviel Würde
gesehen wie im Bergwerk ... Als
ich (aus der hypermoder-nen Autofabrik) von OPEL kam, war ich
niedergeschlagen. Sogar das, was dort nach der Arbeit stattfindet, ist
deprimierend. Die Menschen verlieren sich dort selbst. Heute drücken sie
einen Knopf hier und morgen in der nächsten Fabrik einen anderen, für
sie ohne jegliche Bedeutung. ...
Ich erlebte, dass die Menschen in Schlesien von dem Augenblick an, da sie
einem das Vertrauen schenkten, mich als einen der ihren behandelten. Du
kannst sie bitten, um was du willst, angefangen beim einfachen Kumpel bis
zum Bergingenieur. Ich weiss es, denn wir haben uns in ihren Häusern
getroffen und haben zusammen gegessen. Ich habe für sie gekocht und sie
bereiteten für mich ihre heimischen Speisen .... Schlesien ändert die
Menschen. Diejenigen die hierher kamen, nahmen auch die schlesische
Kul-tur an... Manche ältere Menschen sagten mir: wir sind weder Polen
noch Deutsche, wir sind von hier. Das finde ich schön. Es würde mich
freuen, wenn bei den kommenden Veränderungen, die Verbunden-heit dieser
Leute mit ihrer Heimat nicht nicht verloren geht.
Immer wieder hörte ich den Gruss: „Mit Gottes Hilfe“. Am häufigsten
in den Stollen Untertage. In diesem Gruss liegt die Ver-bundenheit mit
Gott und mit den Arbeitskameraden, bei Gefahr und in Bezug auf die
Ungewissheit über die Zukunft. Dieser Gruss schwebt wie eine schützende
Hand über diesen Menschen. |