JERZY RUCKI   (1 Teil)

31.03.1919 - 26.09.2001

 

Wir kannten Dr. Jerzy Rucki als einem überaus liebenswürdigen, freundlichen und den anderen zugewandten Men­schen. Kultiviert, distinguiert und humor­voll, war er ein sprachgewandter Humanist. Belesen und geschichtsbewusst, ein Mann guter Ideen und, was wesentlich seltener ist, er war einer, der es verstand, seine Ideen in die Wirklichkeit umzusetzen, auch wenn es manchmal viele Jahre dauerte bis das Ergebnis sichtbar wurde. Er war nicht nur Wirtschafts-wissenschaftler, sondern auch ein talentierter Schriftsteller und hochtalentierter Heimatdichter.

W ulubionej restauracji  „Wilde Mann”

 

Bei der Abschiedsfeier in der Jesuitenkirche in Luzern am 3. Oktober 2001 sagte  Pfarrer Adalbert Anbauen über Jurek: "Das erste Mal begegnete ich ihm in Giswil und ich wusste bereits nach kurzer Zeit; mit diesem Menschen ist es einem wohl zusammen zu sein".

   

Jerzy Rucki war der Beweis dafür, dass man gute Bräuche und Traditionen aus verschiedenen Gegenden durchaus in einer Brust vereinigen kann. So war er ein über­zeugter und loyaler Schweizer und begeisterter Luzerner und blieb dennoch ein treuer Sohn seiner kargen und schönen Bergheimat in den polnischen Beskiden. Dies war kein Widerspruch sondern der Beleg dafür, dass sich Gutes und Schönes durchaus zu einem reichen Ganzen ergänzen können.

 

Wegen seiner kultivierten, offenen und optimistischen Art musste man ihn gern haben. Wegen seiner Errungenschaften ehrte man ihn. Ohne ihn ist unsere Welt ärmer geworden, er wird uns sehr fehlen.

 

Jerzy Rucki wurde am 31. März 1919 in Jaworzynka, einem kleinen Bauerndorf in Südpolen nahe der tschechisch-slowakischen Grenze geboren. Er war das jüngste von fünf Kindern eines armen Kleinbauern im hügeligen Vorgebirge der Hohen Tatra. Wie bescheiden die Verhältnisse bei den Ruckis waren, illustriert am besten eine Gabe Jureks für die Folklorestube im Polenmuseum Rapperswil. Es ist die volle Tracht eines Jünglings aus seiner Gegend. Es ist Jureks Tracht, die er als Schulbub trug. Aus Gründen der Sparsamkeit wurde alles bis aufs Letzte in Handarbeit von Vater oder Mutter gefertigt. Die Ledersandalen und das aus eigenem Leinen gewobene Hemd und auch die Hosen und der Hut sind aus Wolle gestampft, die von eigenen Schafen stammte. 

 

Auf Anraten des Pfarrers von Istebna, Emanuel Grim, schickten ihn die Eltern ans Gymnasium nach Cieszyn, wofür sie den letzten Groschen zusammensparen mus­sten. Hier wohnte er bei einer jüdischen Kaufmannsfamilie, die dem einfachen Bauer­nsohn den ersten gesellschaftlichen Schliff vermittelte. Nach der Matura im Mai 1937 am klassischen Gymnasium begann er ein Jura-Studium an der Universität 

W czasie odznaczenia prof. Thürera

 

Krakau mit Vorlesungen bei den Professoren Krzyzanowski und Vetulani. Seine Studentenbude finanzierte Jurek mit Nachhilfeunter­richt; manche Gratissuppe bekam er wie andere arme Studenten auch in der so genannten "Hungerküche" bei den Ordensschwestern am Krakauer Podwale. Das Studium wurde im September 1939  aufgrund der Kriegsereignisse jäh unterbrochen. Im Winter 1939/40 brach er mit ei­nigen Kameraden aus dem von den Nazis besetzten Polen ins ferne Frankreich auf, wo sich eine neue polnische Armee unter General Sikorski formierte.

Der Abschied von Familie und Heimat in die unbekannte und ungewisse Ferne war für ihn und viele andere eine der dramatischsten Entscheidungen seines Lebens. Niemand konnte damals ahnen, wie sich der zweite Weltkrieg und die Flucht aus dem besetzten Polen auf sein weiteres Leben auswirken würde. In seinem Buch "Ohne Pass und Visa" beschreibt Jurek, wie immer sehr plastisch, seine Rückkehr ins elterliche Haus nach seinen ersten Kriegserlebnissen im September und Oktober 1939 wie folgt:

 

" Beladen wie ein Maulesel mit Rucksack und einem Koffer voller Bücher schleppte ich mich langsam von Jablonka über Piosek, Bukowiec und Kepka zu meinem hei­matli­chen Jaworzynka, mit Marschrichtung Gorzólków, einem kleinen Weiler, wo das un­scheinbare Hüttchen meiner Eltern stand. Auf einem kleinen Feld hinter den Gehöf­ten traf ich meinen Vater. Er bearbeitete Beete voller harter reifer Kohlköpfe. Als er mich erblickte, erstarrte er, brach die Hände zusammen und machte dann ein Kreuz­zei­chen, um mit tränenerstickter Stimme auszurufen:

 

- Jesus, Maria mein Junge !  Bist Du das wirklich, oder ist es nur Dein Geist ?

- Was fragt Ihr denn so ? - antworte ich und falle in seine Arme.

- Mein Sohn - sagt er - am Sonntag feierten wir die heilige Messe für Dein Seelenheil. Bekannte liessen uns ausrichten, man habe gesehen, wie Du in der Schlacht bei Janow Lubelski gefallen seiest ...

- Ihr Seht, Herr Vater ... dass sich jemand  fürchterlich geirrt hat. Wenn man schon zu Lebzeiten von mir derartiges berichtet, dann wird mir wohl während des ganzen Krieges nichts zustossen. Das gleiche hat mir auch eine alte bucklige Mutter in Lipy, unweit von Jaroslaw geweissagt.

 

Auch daheim brach beim Anblick des heimkehrenden Sohnes, Bruders und Schwagers eine grosse Freude aus ....man hatte nicht erwartet mich je wiederzusehen ...".

Jerzy Rucki schreibt in seinen Erinnerungen weiter:

 

"Nach dem Schock der Septemberniederlage konnte die Bevölkerung unserer Dörfer nicht zu sich kommen. Auf jedem Schritt und in jedem Haus stellte man sich unauf­hör­lich Fragen, auf die es keine Antwort gab, weil es sie nicht geben konnte, nämlich: warum der Herrgott uns bestraft hat, ein derart gläubiges und katholisches Volk ? Von dem, was sich in der grossen Welt tat, kursierten die unwahrscheinlichsten Ge­rüchte. Eines war aber sicher, dass nämlich im Westen eine neue polnische Armee entsteht. Dieses war wichtig und man musste alle Kräfte und Bemühungen darauf ausrichten, um so schnell wie nur möglich in ihre Reihen einzutreten. Wir begannen also langsam unsere Vorbereitungen zur ungewissen, langen Reise ....".  

 

Soweit das Zitat.

 

Unter dem Eindruck des Unvermeidlichen schrieb er damals folgendes Gedicht im heimatlichen Dialekt:

 

ZNIKNY£AŒ MI SPRZED MOICH UOCZICH,

CHOÆ - ZDO SIê - BY£ECH TAM PRZED CHWILKÓM;

CZI JESZCZE KIEDY CIE UOBOCZIM,

MOJA DALEKO JAWORZINKO ...?

 

Meinen Augen bist du entschwunden,

obwohl ich - wie's scheint - soeben noch dort gewesen;

ob ich dich wohl noch einmal  wiedersehe,

mein fernes Jaworzynka ... ?

 

Über Ungarn, Jugoslawien und dann mit einem griechi­schen Frachter übers Mittelmeer gelangte er mit vielen Schicksalsgenossen 1940 nach Marseille. In Frankreich wurde Jurek einer der vier dort entstehenden polnischen Divisionen, nämlich der 1. Polnischen Grenadierdivision von General Bronislaw Duch zugeteilt. Nach blutigen Kämpfen mit der Wehrmacht in Lothringen und nach ausgerufenem Waffenstillstand löste sich die dezimierte Division auf. Nur an die 200 Soldaten und Offiziere der Division erreichten am 10. Juli 1940 die Schweiz; mit ihnen war auch Jerzy Rucki. – In seinen Erinnerungen schreibt Jurek über die erste Begegnung mit einem Schweizer nach 20-tägigem strengem Fussmarsch bei Nacht und über unwegsames Gelände von Lothringen über das

Z Metropolit¹ Warmiñskim ks. arcybiskupem

Edmundem Piszczem

 

Elsass bis in die Nähe des Dorfes Reclère folgendes:

 

"Als wir aus dem Wald, am Rande einer grossen mit Tautropfen verzierten Weide auftauchten, begegneten wir einem langsam bergaufwärts schreitenden Alterchen... In aller Ruhe näherte er sich uns, schaute uns wachsam in die Augen und sagte mit stiller, ruhiger, aber überaus freundlicher Stimme, deren Klang ich bis heute noch höre: N'ayez pas peur, Messieurs, vous êtes déjà en Suisse ! (Fürchtet euch nicht, meine Herren, ihr seid bereits in der Schweiz!"   

 

Jurek blieb in der Schweiz zusammen mit rund 13 000 polnischen Soldaten der 2. Polnischen Schützendivision bis zum Kriegsende Militärinternierter. Dank gemeinsa­mer Bemühungen des Divisionskommandos, der polnischen Gesandtschaft in Bern und zahlreicher Schweizerfreunde und dem Wohlwollen der Behörden hatten die internierten Polen schon bald ihre eigenen Grundschulen, ein Gymnasium in Wetzikon und drei Hochschullager in Fribourg, Winterthur und Herisau. Es entstanden polnische Bibliotheken, Chöre und Theatergruppen.

 

Illegal und in totaler Diskretion gab es auch Offiziersschulen, die auf entfernten Bergalpen (mit stiller Billigung von General Guisan) den Einsatz der polnischen Division gegen einen möglichen Einmarsch der Wehrmacht in die Schweiz - wenn auch ohne Feuerwaffen - übten. Vor allem aber wurde viel schwere Arbeit geleistet im Rahmen der Anbauschlacht des "Plans Wahlen" und bei der Erstel­lung militärisch wichtiger Befestigun­gen, Strassen- und Brückenbauten. Besonders die letztgenannten Arbei­ten waren den Polen oft Anlass, um eine der Gottesmutter geweihte Weg­kapelle zu bauen, eine Gedenktafel an eine Felswand anzubringen oder zumindest den Polenadler in einen grossen Stein zu meisseln. Da und dort steht noch das Grab eines polnischen Soldaten, der fern der Heimat verstarb, behütet vom Kreuz und einem Polenadler.

 

 

 

 

 

Uhonorowanie w Rapperswilu  

Wie schon gesagt, ermöglichten es die Schweizer Behörden den polnischen Internier­ten, ihre in Polen unterbrochenen Studien an den Schweizer Hochschulen weiterzu­führen. Jerzy Rucki absolvierte ein Volkswirtschaftsstudium im Rahmen des Internier­

 

ten-Hochschullagers Herisau und promovierte anschliessend 1950 an der Handelshochschule St. Gallen zum Doktor der Oekonomie. In den Semesterferien beteiligte er sich zusammen mit seinen polnischen Lagergenossen an Waldrodungen im Thurgau und am Strassenbau in Graubünden. In dieser Zeit kam Sonja, seine erste Tochter, zur Welt.

An die Arbeitszeit als studentischer Strassenbauer aus Herisau erinnert Jurek in seinem Gedicht "PEILERBODEN" vom September 1942:

 

W porze letnich kaniku³, w alpejskiej dolinie,

któr¹ mi³a szczebiotka - Peil rzeczu³ka - p³ynie,

koczowa³ na biwaku student herisauski.

Dziwili siê Górale: "Choæ mundur francuski,

inn¹ gadaj¹ mow¹, inne zwyki maj¹:

Haruj¹ jak najêci od samego rana,

potem - zamiast odsapn¹æ - po górach ganiaj¹

jakby coœ zdobywali. To rzecz nies³ychana !"  

                   Zu sommerlicher Ferienzeit, im Alpental,

                   welches das lieblich plaudernde Bächlein Peil durchfliesst,

                   da biwakierten die Herisauer Studenten.

                   Die Bergler wunderts, denn: "Obwohl französische Uniformen,

                   reden die eine andere Sprache, und andere Bräuche haben sie auch:

                   Schon am frühen Morgen schuften sie wie die Wilden,

                   doch anschliessend, statt auszuruhen, rennen sie in den Bergen umher

                   als würden sie dort etwas erobern. Das ist unerhört !  

 

Der Dichter nimmt hier auf die bereits erwähnte Tatsache Bezug, dass die insgeheim zu Offiziersanwärtern bestimmten Studenten nach schwerer Arbeit und bei Wahrung aller Diskretion noch ihre militärische (allerdings waffenlose) Ausbildung in Infanterietaktik erhielten, damit sie im den Fall eines Angriffs des III. Reiches auf die Schweiz Helvetien hätten kämpfend zur Seite stehen können.

 

                                                                                                           Janusz Morkowski