JERZY RUCKI   (2 Teil)

31.03.1919-26.09.2001

 

Die schweizerische Haltung zu den Polen schil­derte anschaulich der Historiker, Korps-Komman­dant und ehemalige Chef des schweizerischen Generalstabes der Schweize­rischen Armee, Dr. Jürg Zumstein, anlässlich einer Feier  (die massgeblich von Jurek Rucki initiiert und organisiert wurde) auf Schloss Rapperswil am 18. August 1995 zum 50. Jahrestag des Grenzübertritts der 2. Polnischen Schützendivision in die Schweiz als er u.a. sagte:

" ... Den polnischen Internierten schlug eine brei­te Sympathiewelle entgegen. Gewissen Auswirkungen dieser durchaus aktiven Sympathie musste das

 

Z ma³¿onk¹ Mart¹ i ówczesnym ambasadorem RP p.M. Jêdrysem

 Armeekommando mit einem "Befehl über die Beziehungen der Zivilbevölkerung zu den Internierten" begegnen  ....

 

Jene innere und äussere Haltung, die wir Schweizer bei "unseren" polni­schen Internierten feststellen konnten, und - ich sage es offen - auch insgeheim be­wunderten, war massgebend für die Änderung, die jetzt im europäischen Osten die Strukturen der Tyrannis hinwegfegt ....(Ich sehe vor meinen Augen - JMK )

 ... die Soldaten der 2. Polnischen Schützendivision wieder vor mir, denen unser Land vor 50 Jahren in schlimmer Zeit Gastrecht gewährt hat. Und dann kommt bei mir und vermutlich bei vielen anderen auch ein Gefühl des Respekts für ihre unbeirrbar tapfere Haltung auf, aber auch der Dankbarkeit dafür, dass es solche Männer gegeben hat ..".

Die während des 2. Weltkrieges in der Schweiz internierten polnischen Soldaten erwarben sich sehr bald bei der schweizerischen Armeeführung und ebenso bei der Bevölkerung einen guten Ruf. Sie zeichneten sich durch ihren Arbeitsfleiss, ihre Ordnungsliebe und Höflichkeit und durch ihre galante Art, insbesondere den Damen gegenüber aus. Dies haben mir einige ältere Schweizerinnen bestätigt, welche die Polen gut kannten. Zu ihnen gehörte die von der Armeeführung zur Betreuung der Internier­ten berufene "Soldatenmutter" Ella Hess aus Rapperswil. Sie erzählte mir vom Entsetzen der schweizerischen Betreuerinnen als sie eines Tages erfuhren, dass das französische Internierten-Kontingent des Lagers Pfäffikon ZH gegen ein polnisches ausgetauscht werde. "Wir meinten", sagte Ella Hess wörtlich "nun seien wir vom Regen in die Traufe geraten". Die Damen wollten einfach davon laufen vor lauter Schrecken. Wie gross war ihr Erstaunen, als dann die Polen in grösster Disziplin und schöne Lieder singend einzogen und das Lager in wenigen Tagen wieder in Ordnung brachten mit sauber gestreuten Kieswegen und Blumenrabatten. Sie erwiesen sich als äusserst liebenswürdig, höflich und hilfsbereit. Auch der in Polen bei Damen obligate Handkuss machte Eindruck. Kurz und gut, die Betreuerinnen waren sehr bald von "ihren Polen" begeistert und blieben es ihr Leben lang. Auch die Religiosität der polnischen Soldaten machte einen guten Eindruck; ihr allmorgendlicher gemeinsamer Gesang  auf dem Appellplatz lobte weit hörbar den Herrn aller Zeiten. Eindrucksvoll waren auch die gemeinsamen abendlichen Andachten im Marienmonat Mai mit den weit hallenden innigen Marien-Liedern der Polen.

Jerzy Rucki erinnerte sich später immer wieder in Dankbarkeit an die Menschen, die ihm während der Interniertenzeit zur Seite gestanden waren und ihn gefördert hatten, darunter besonders Professor Georg Thürer von der Hochschule St. Gallen, mit dem er bis zu dessen Tod in Verbindung geblieben war. Auch an andere erinnerte er sich mit Dankbarkeit, so an den Präsidenten der Bürgergemeinde Sirnach, Alfons von Streng; den "guten Geist von Gossau" Ingenieur Leo Braegger; die Soldatenmutter Maria Hohl von Herisau und an den Leiter der St. Galler Sektion der "Pro Polonia"-Stiftung, Hugo Helmensdorfer.

In seinen Erinnerung über die Kriegszeit schreibt Jurek u.a.:

"Obwohl in St. Gallen, nach Schätzungen, fast jeder achte Einwohner einen Pass mit dem Hakenkreuz besass, kapitulierten weder die Hochschulbehörden noch der Stadtrat vor dem nördlichen Schreckgespenst und setzten sich klar für uns Polenstudenten ein, wohlverstanden noch vor der Wende im Kriegsgeschehen zugunsten der Alliierten .... Unser Verhältnis zu den Professoren war gut bis zum  sehr freundschaftlichen Austausch in den privaten Studios". 

Seine Erinnerungen seit 1937, insbesondere die Flucht aus Polen nach Frankreich und die Zeit in der 1. Grenadierdivision beschrieb Jerzy Rucki viele Jahre später in dem spannenden und dramatischen Buch "ohne Pass und Visa" (erschien 1990 im St. Jacek-Vlg. in Katowice. - Originaltitel: "Bez paszportu i wizy", das zweite Buch er­schien 1993 im Bellona-Verlag Warschau. - Originaltitel: "W krainie Wilhelma Tella".). Sein zweites Buch schildert die Internierungszeit in der Schweiz zwischen Juli 1940 und Kriegsende 1945 in "Die Schweiz im Licht, die Schweiz im Schatten" (Erschienen 1997 im Verlag Brunner Kriens. -  Alle Bücher sind u.a. im Polenmuseum Rapperswil erhältlich).  Beide Bücher sind erst in polnischer Sprache erschienen, letzteres dann auch auf deutsch.  

Nach Kriegsende liess sich Jerzy Rucki in St. Gallen nieder und fand bald eine Beschäftigung in der Textilbranche. Dank seiner Sprachkenntnisse - er verständigte sich fliessend in sechs Sprachen - vertrat er die Interessen verschiedener Firmen im Ausland, unter anderem im Mittleren Osten und in Südafrika.

 

1951 heiratete er Marta Schmid aus St. Gallen, mit der er im August 2001, bereits von seiner schweren Krankheit gezeichnet, den 50. Hochzeitstag feiern konnte. In den fol­genden Jahren wurden die Kinder Stefan und Isabelle geboren. Mit ihrer Geduld und Toleranz hat ihm seine Gattin ein privates Umfeld geschaffen, welches ihm bis ins hohe Alter erlaubte, seiner Arbeit, seiner Schriftstellerei und seinen Nachforschungen unbehindert nachzugehen.  

 

1953 wurde er Schweizer Bürger. Wenige Jahre nach seiner Einbürgerung ging er mit

seiner Familie aus beruflichen Gründen nach Italien; nach zwei Jahren kehrten sie in die Schweiz zurück und siedelten sich in Luzern an. Bei der Firma Schindler in Ebikon konnte er seine kaufmännischen Erfahrungen in der Marketing-Abteilung anwenden. Diese Stelle ermöglichte ihm auch Geschäfts-beziehungen mit Osteuropa und beson­ders mit Polen.

 

Sein Entschluss, nach dem Krieg in der Schweiz zu bleiben, hat seine Liebe zu Polen nicht geschmälert, im Gegenteil: Seit seiner Niederlassung in der Schweiz, speziell aber nach seiner Pensionierung, war es ihm ein zentrales Anliegen, die Spuren der polnischen Internierten in der Schweiz zu dokumentieren und zu sichern. Die sichtbaren Andenken polnischer Anwesenheit an vielen Wegen sollten auch in Zukunft an die Tage des Krieges erinnern.

 

Seit vielen Jahren arbeitete daher Dr. Rucki ehrenamtlich an einer Dokumentation des Polenmuseums über die in der Schweiz verstreuten weit über 100 Polenandenken. Er dokumentierte - oft mit Hilfe von Einheimischen, die sich noch an die Internierten erin­- nerten - die sogenannten Polenwege und Polendenkmäler in der Schweiz. Im Jahr 2000 erschien diese Dokumentation in Gestalt eines informativen und praktischen Wanderführers von Dr. Jerzy Rucki mit 28 Wanderrouten auf nahezu 40 Landkarten, ergänzt durch ergötzliche kleine Geschichten aus eigenem Hören und Erleben des Auors unter dem Titel:  " Quer durch die Schweiz; mit Jerzy Rucki auf den Spuren internierter polnischer Soldaten".

 

An die 30 in Bronze gegossene und auf Felssteinen oder Säulen angebrachte Gedenktafeln an Wegen, die damals von Polen gebaut wurden, erinnern heute an die Arbeit der polnischen Internierten. Diese Bronzetafeln wurden dank den Bemühungen Jerzy Ruckis und des Arbeitskreises (Der Arbeitskreis wirkt im Verein der Freunde des Polenmuseums Rapperswil, von dem er auch materiell  unterstützt wird) zur Pflege polnischer Andenken in der Schweiz vom Rat zur Bewahrung des Gedenkens (Rat zur Bewahrung des Gedenkens an das Martyrium des polnischen Volkes, Warschau ) gestiftet und ausnahmslos mit tatkräftiger Unterstützung der örtlichen Behörden und unter lebhafter Teilnahme der Bevölkerung feierlich aufgestellt.

 

Im Jahr 2000 organisierte Jurek, zusammen mit Zygmunt Prugar-Kettling (dem Sohn des Kommandeurs der 2. Polnischen Schützendi­vision in der Schweiz) eine viel be­achtete Aus­stellung über die Internierung der polnischen Division in der Schweiz 1940-45 in der Korn­schütte Luzern unter dem bezeichnenden Titel: "Besiegt doch unbe­zwungen". Die Ausstellung wurde anschliessend im Polenmuseum Rapperswil und im Alten Zeug­haus in Solothurn gezeigt.

  Nicht nur in der Schweiz, sondern auch in Polen bemühte er sich, die Erinnerung an Vergangenes 

Z synem gen. Prugara-Kettlinga na wystawie w Lucernie

 

 

und an die eigene Identität wachzuhalten. Mit Beharrlichkeit und Ausdauer wollte er die Traditionen und Bräuche, die er als Kind noch selber erlebt hatte, vor dem Vergessen bewahren. Schon vor Jahren  fasste er den Entschluss, in seinem Dorf Jaworzynka ein Heimatmuseum zu errichten als Beginn eines grösseren Freilicht­museums nach dem Vorbild des Ballenbergs im Berner Oberland. Dank eigenen Er­sparnissen, grosszügigen Spenden von Freunden und der tatkräftigen Mithilfe seiner polnischen Verwandten konnte das Projekt vor einigen Jahren verwirklicht werden. Mit der Eröffnung des Museums, das sich in unmittelbarer Nähe des Hauses befindet, in welchem er geboren wurde, erfüllte sich sein grosser und lange gehegter Traum.

 

Das Projekt "Heimatmuseum Jaworzynka" wurde von Jurek Rucki in zweierlei Weise ergänzt: Er verfasste während Jahren eindrücklich schöne Gedichte im heimatlichen Dialekt die in drei Gedichtsbänden ("Rymy znad Czadeczki" (1985); "Cztery pory roku" (1990) und "By uchronic od zapomnienia" (1999)) erschienen sind und er brachte  ei­ne Städtepart­.nerschaft zwischen seiner neuen Heimat Luzern und seinem heimatli­chen Bezirkshauptort Cieszyn (Teschen) zuwege. - Nachfolgend ein Ausschnitt aus einem seiner Gedichte:

 

TRZA, BY SIÊ SIERCO ROZZWONI£O

JAKO TYN ZWÓN, CO Z WIEZI  ZWINCZY,

CO BY ZAGRA£O TAKÓM SI£ÓM,

KIERO I W GROBIE  NIE  ZAMILCZI

Es sollte das Herz so klingen

wie die Glocke, die vom Turme schallt,

es sollte so stark singen,

dass es gar aus dem Grabe hallt.  

 

Ein wichtiges Ereignis war für Jurek die Geburt seines Enkels Jan, welcher kurz vor seinem 81. Geburtstag zur Welt kam. Jurek liebte seinen Enkel über alles.

  

Mit Jurek Rucki verlieren wir einen liebenswerten Menschen, der zeit seines Lebens von einem grossen  Wissens- und Tatendrang erfüllt war. Weit gereist und weltoffen, war er gleichzeitig ein sehr naturverbundener Mensch. Jeden Herbst geriet er ins "Pilzfieber" und kehrte fast immer mit reicher Beute nach Hause zurück. Ebenso genoss er die fröhlichen Picknicks mit der Familie und mit seinen Freunden an einem rauschenden Bach oder auf einer Alpwiese.

 

Dr. Jerzy Ruckis Verdienste für die Allgemeinheit wurden von der Republik Polen durch die Verleihung des Offizierskreuzes des Ordens Polonia Restituta in der Jesuitenkirche Luzern an der Feier zum polnischen Nationalfeiertag am 6. Mai 2000 vom polnischen Botschafter in Bern öffentlich geehrt. 

Vieles hat Jurek in seinem Leben realisieren können, vieles hatte er noch vor. Seinen Nachkommen und seinen  polnischen  Freunden  wird  es  ein  Anliegen bleiben, Jerzy Ruckis Pflege des polnischen Erbes in der Schweiz und in Jaworzynka in seinem Sinne weiterzuführen.

Muzeum w Jaworzynce

 

                                                                                Janusz Morkowski