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Unsere
UNICEF Zeitung Der
Trompeter von Krakau
Der Winter ist die schöne Zeit der Geschichten, Legenden und Märchen. «Ist es auch war?» haben wir alle als kleine Kinder gefragt, wenn jeweilen der Prinz die Prinzessin gefunden hatte. Wenn man älter wird, weiss man, dass fast jede Geschichte einen wahren Kern hat, aber dass doch viel Zauberhaftes, Wunderbares der blühenden Phantasie des Erzählers entspringt. Besonders schön jedoch ist eine Geschichte, die sich wie eine
Sage liest und doch wirklich «wahr» ist. Eine solche Geschichte wollen
wir euch erzählen. Sie ereignete sich in Polen, einem Lande, mit dem
UNICEF besonders innig verbunden ist.
Polen gehört zu den Ländern, die unter dem letzten Weltkrieg am
meisten gelitten haben, und so war es ganz natürlich, dass UNICEF sofort
nach seiner Gründung den polnischen Kindern zu Hilfe eilte. |
Die Marienkirche |
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Zur Zeit, als noch Könige und stolze
Rittergeschlechter Polen regierten, war Krakau die Königsstadt. Die Ursprünge
dieser Stadt reichen in die Vorzeit zurück. Auf dem steilaufragenden
Wawelhügel an den Ufern der Weichsel befand sich einst eine Festung.
Noch heute erheben sich über dem Felsenrand mächtige Mauern und Türme,
in deren Schutz das prächtige Königsschloss steht.
Doch schon im Mittelalter breitete sich die Stadt am Fusse des
Wawels aus und einer der schönsten Plätze ist der Marktplatz (Rynek) mit
den Tuchhallen, dem Rathausturm und der sehr alten Marienkirche. Diese hat
zwei ungleiche Türme von verschiedener Höhe, mit verschiedenen Helmen.
Der höhere Turm dient der Stadt seit Jahrhunderten als Wachtturm. Noch
heute bläst jede Stunde ein Trompeter von diesem Turm in alle vier
Windrichtungen eine schöne Melodie, den «Heynal», die aber zuletzt ganz
plötzlich abbricht. Es war um die Mitte des 13. Jahrhunderts, als
die Mongolen ganz Europa bedrohten und Polen als Vorposten des Abendlandes
einen Schutzwall gegen die Tartareneinfälle bildete. Eines Tages, als der
Trompeter den Heynal, eine christliche Hymne, vom Turme blies, sah er in
der Ferne eine Staubwolke, die immer grösser wurde und sich auf die Stadt
zuwälzte. Da erkannte er plötzlich, dass es sich um den aufgewirbelten
Staub der wild dahergaloppierenden Tartaren handelte. Der Trompeter wusste,
dass nur er allein die Gefahr herannahen sah und dass er schnell ein
Mittel finden musste, um die Stadt zu warnen. Würde er von seinem Turm
hinabsteigen, um die Kunde in den Gassen und im Rathaus zu verbreiten, so
würde zuviel Zeit verloren gehen. Da besann er sich und blies den Heynal
mit allen Kräften, immer wieder, unaufhörlich. Die Leute in der Stadt
wurden bald aufmerksam - war der Trompeter irre geworden? Blies er um
Hilfe? Doch plötzlich merkten sie, dass es eine Warnung sein
musste, und diese konnte nur bedeuten: «Die Tartaren kommen!» Da rannten die Soldaten ins Zeughaus, holten
ihre Waffen und besetzten Türme und Mauern, die Stadttore wurden
geschlossen, die Bogenschützen machten sich bereit, und Frauen und Kinder
wurden zu sicheren Unterschlupfen geführt, währenddessen noch immer der
Heynal ertönte. Doch nicht nur die Krakauer hörten das
Trompetensignal. Als die Tartaren nahe genug an die Stadt her angekommen
waren, begriffen sie rasch, was geschehen war: ihr Plan, die Stadt
unvorbereitet in einem überraschenden Angriff überwältigen zu können,
war gescheitert. Wütend spannte der Anführer seinen Bogen und liess
seinen Pfeil zum Wachtturm schnellen. Da brach das Lied plötzlich ab. Der
Pfeil war dem Trompeter in die Kehle gedrungen. Dank ihm aber konnten in
der nachfolgenden Schlacht die Tartaren besiegt werden, und sie mussten
einen beliebten, jungen Prinzen auf dem Schlachtfeld liegen lassen. In
Krakau wird seit jenem Tag in Erinnerung und zur Ehre des tapferen
Trompeters der Heynal bei jener Note, die er damals zuletzt blies,
abgebrochen. Etwa 500 Jahre später, als zu Ende des
letzten Weltkrieges Kriegsgefangene von weit her in ihre Heimatländer zurückfluteten,
gelang auch eine Gruppe polnischer Soldaten nach Samarkand, eine der ältesten
Städte Asiens. Die Leute in Samarkand wussten nur sehr wenig, was in
modernen Zeiten in Europa geschehen war, doch kannten sie sehr genau die
alte Geschichte ihres eigenen Volkes, lag doch das Grab des grossen
Tartarenfürsten Tamerlan, der einst fast ganz Osteuropa besiegt hatte, in
ihrer Stadt. Die Soldaten wurden gastfreundlich empfangen. Als die Leute hörten,
dass es polnische Soldaten waren, schienen sie besonders erfreut zu sein.
Erwartungsvoll stellten sie den Soldaten eine merkwürdige Frage: «Habt
ihr Trompeter unter euch?» Als sie dann erfuhren, dass einige Soldaten
einer Militärkapelle angehört hatten und Trompete spielen konnten,
wurden sie ganz aufgeregt. «Würdet ihr uns einen grossen Gefallen tun?
Wenn ihr wirklich aus Polen seid und eurem alten Glauben treu, so
lasst doch bitte morgen eure Trompeter bei Sonnenuntergang auf dem
Hauptplatz bei der Moschee, gegenüber dem Grabe von Tamerlan, spielen.» Die Soldaten waren gerne bereit, diesen
Wunsch zu erfüllen, doch waren sie sehr erstaunt, als sie die riesige
Menschenmenge erblickten, die gekommen war, um dem Spiel zuzuhören.
Zuerst bliesen die Trompeter einige Militärmärsche, und zum Schluss ertönte
der Heynal, die Melodie, die sie alle so gut kannten und die fern von
ihrem Lande zum eigentlichen Heimwehlied geworden war. Aufmerksam hörte
die Menge zu, und schweigend und ergriffen verliess sie den Platz, als der
letzte Ton verklungen war. Erst später erfuhren die Polen den Grund für
den so seltsamen Abschluss: Männer aus Samarkand hatten an den Feldzügen
der Tartaren teilgenommen. Da kamen sie auch nach Krakau. Genau wie zu
Hause der Muezzin vom Turm des Minaretts die Gläubigen zum Gebete ruft,
genau so habe ein Trompeter vom Turm einer Kirche zur Vesper geblasen.
Bevor dieser Trompeter getötet worden sei, habe er die Stadt vom überfall
warnen können. Als die
Altesten von Samarkand vom Verlaufe der Schlacht Kunde erhielten, machten
sie den Anführern Vorwürfe. Der Tod des Prinzen sei eine Strafe Gottes
gewesen, weil die Tartaren den Trompeter getötet hätten, als er zum
Gebet gerufen habe. Sie voraussagten, dass Samarkand Reichtum, Macht und
Freiheit verlieren werde und dass keine dieser drei Eigenschaften je
wieder erlangt werden könnten, bevor ein Trompeter aus Polen öffentlich
auf dem Hauptplatz der Stadt die gleiche Melodie spielen würde, die durch
die Tartaren damals unterbrochen worden sei.
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