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Katyn; Erster staatlich organisierter Massenmord im 2. Weltkrieg. Opfer
als Friedensstörer
von Prof. Dr. med. Kazimierz Karbowski, Muri b. Bern
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Historischer Hintergrund
Am 23. August 1939 haben die Aussenminister Deutschlands und der Sowjetunion, Ribbentrop und Molotow, in Moskau einen Nichtaggressionspakt unterschrieben. In einem geheimen Zusatzprotokoll wurde die Besetzung und Teilung Polens vereinbart. Am 1. September griff Deutschland Polen vom Westen und am 17. September die Sowjetunion vom Osten her, an. In der 2. Septemberhälfte 1939 wurden über 22.000 polnische Offiziere, Grenzschutzangehörige, Grossgrundbesitzer, höhere Regierungsbeamte, die sich auf dem Rückzug vor den einmarschierenden deutschen Truppen befanden, in den polnischen Ostgebieten von der dort einrückenden sowjetischen Armee überwältigt und gefangen gehalten. Der Grossteil der Kriegsgefangenen Offiziere, die nahezu die Hälfte der Gefangenen ausmachten, waren nicht Berufssoldaten, sondern Reservisten, viele von ihnen Vertreter der geistigen Elite des polnischen Volkes. Sie sind noch einige Wochen zuvor sorglos ihrer beruflichen Tätigkeit als Aerzte, Rechtsanwälte, Ingenieure oder Hochschullehrer nachgegangen. Am 28. September wurde ein „deutsch-sowjetischer Grenz- und Freundschaftsvertrag“ unterzeichnet, der ebenfalls geheime Zusatzprotokolle enthielt. Es hiess dort u.a. dass: „Beide Teile werden auf ihren Gebieten keine polnische Agitation dulden, die auf die Gebiete des anderen Teiles hinüberwirkt. Sie werden alle Ansätze zu einer solchen Agitation unterbinden und sich gegenseitig über die hierfür zweckmässigen Massnahmen unterrichten“. Etwa 15.000 der von den Sowjets gefangenen polnischen Militärs wurden unter erbärmlichen hygienischen Verhältnissen in drei Lagern interniert: in Ostaschkow, nordwestlich der Stadt Kalinin (heute Twer), in Kozielsk, südöstlich Smolensks, sowie in Starobielsk, südöstlich Charkows. Die restlichen, 7.305 Personen wurden in verschiedenen anderen Lagern und Gefängnissen plaziert. Die polnischen Gefangenen standen nicht unter Schutz des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK), da die Sowjetunion die internationale Konvention von 1929, über die Behandlung Kriegsgefangener, vor dem Kriegsausbruch nicht mit unterzeichnet hat. Trotzdem hofften sie auf eine baldige Entlassung, bzw. Ueberführung in ein neutrales Land.
Mordbefehl und Ablauf der Ereignisse
In den darauf folgenden Monaten wurden die Gefangenen von mehreren Funktionären der sowjetischen politischen Polizei, des NKWD, eingehend verhört. Am 5. März 1940 haben Stalin und seine engsten Mitarbeiter im Politbüro der kommunistischen Partei der Sowjetunion: Woroschilow, Molotow, Mikojan, Kalinin und Kaganowitsch – auf Antrag des Kommissars für Innere Angelegenheiten Lawrenti Berija – die Erschiessung der Kriegsgefangenen polnischen Militärs beschlossen. Dies einzig und allein deswegen, weil sie vom NKWD als „eingefleischte und unverbesserliche Feinde der Sowjetmacht“ eingestuft wurden. Zwischen Dezember 1939 und Februar 1940, noch vor Unterzeichnung des Mordbefehls durch Stalin und seinem Mitarbeiterstab, fanden – gemäss der Geheimklausel des deutsch-sowjetischen „Freundschaftsvertrags“ vom 28. September 1939 – in Krakau und in Zakopane „Arbeitstreffen“ hoher NKWD und Gestapo Funktionäre. Ob dort unter anderem über die geplante Tötung polnischer Offiziere durch die Sowjets gesprochen wurde ist unbekannt. In
den Monaten April/Mai 1940 wurden in Katyn nahe Smolensk 4421 Gefangene
aus dem Lager Kozielsk, in Kalinin (Twer) 6311 Personen aus dem Lager
Ostaschkow, in Charkow 3820 Insassen des Lagers Starobielsk, und in
unbekannten Orten die 7305 in anderen Lagern und Gefängnissen
inhaftierten Polen von NKWD-Funktionären ermordet. Insgesamt wurden
im Rahmen dieser staatlich organisierten Massenmorde 21 857 Personen
umgebracht. In
Katyn wurde den Offizieren am Rande eines bereits vorbereiteten Grabens
in den Nacken, beziehungsweise in den Hinterkopf, geschossen. Jüngeren
von ihnen wurden vorher in raffinierter Weise die Hände auf dem Rücken
gefesselt um eine etwaige Gegenwehr zu verunmöglichen. In Kalinin und
in Charkow fand die Ermordung in den Gebäuden des NKWD statt. Die
Gefangenen wurden einzeln, in Handfesseln, in ein Zimmer eingeführt in
dem sich einige NKWD-Funktionäre befanden. Nach der Aufnahme von
Personalien wurde dem Gefangenen befohlen durch eine andere Tür das
Zimmer zu verlassen. Als er sich umdrehte wurde
ihm in den Nacken geschossen. Es sei anzunehmen, dass in gleicher Weise
die 7305 Insassen anderer Lager, bzw. Gefängnisse ermordet wurden Die
Massaker wurden so „perfekt“ organisiert, dass es keinem einzigen
der zum Tode Bestimmten gelungen ist, seinem Schicksal zu entgehen. Noch
im gleichen Jahr, am 26. Oktober 1940, wurden die Henker von dem Kommissar für Innere
Angelegenheiten Lawrenti Berija, für „erfolgreiche Erfüllung ihrer
Spezialaufgaben“ mit Geldprämien belohnt Vom
NKWD von dem Tode bewahrt wurden lediglich 432 Offiziere, die in ein
Speziallager transferiert wurden, von wo sie im Sommer 1941 unversehrt
entlassen wurden. Gemäss späteren sowjetischen Quellen befanden sich
unter ihnen einerseits „Agenten-Informanten“ und andererseits
Personen, die „Gegenstand operationaler Interessen bildeten“. Zu den
Verschonten gehörten auch einige Gefangene, für deren Freilassung sich
einflussreiche ausländische Persönlichkeiten eingesetzt hatten, sowie
deutschstämmige Personen. Die Angehörigen Tausender restlicher Gefangenen, die mit ihnen seit Ende März 1940 nicht mehr korrespondieren konnten, waren zwar beunruhigt, vermuteten aber, dass dies am ehesten auf einen Korrespondenzverbot zurückzuführen ist. Im Uebrigen wurden jene Angehörige die ihren Wohnsitz in den von der Sowjetunion kontrollierten Gebieten hatten, noch im Monat April 1940 nach Kasachstan verbannt. Dass die nahezu 22.000 Militärs, mit denen die Korrespondenz aufgehört hatte, einem staatlich organisierten Massenmord zum Opfer gefallen sind, hat damals, im Frühjahr 1940, niemand auch nur in Betracht gezogen. Zu erinnern ist, dass die „Wannsee-Konferenz“, bei der der Hitlerentschluss über den Holocaust bekannt gegeben wurde, am 20. Januar 1942, also fast zwei Jahre später als der Entscheid des Stalinschen Politbüro über die Ermordung polnischer Kriegsgefangener, statt gefunden hat. Entdeckung
von Massengräbern und ihre Untersuchungen Die Massengräber der Offiziere aus dem Lager Kozielsk wurden im Wald am Rand der Ortschaft Katyn im April 1943 von den deutschen Truppen, welche die russischen Westgebiete seit Sommer 1941 besetzt hielten, entdeckt. Diese Erstendeckung führte dazu, dass die Bezeichnung „Massaker von Katyn“ als Oberbegriff für sämtliche, auch an anderen, später entdeckten Orten erfolgten Massenexekutionen polnischer Kriegsgefangener durch die Sowjets angewendet wird. Ueber die Entdeckung der Massengräber in Katyn berichtete der Deutsche Rundfunk am 13. April 1943. Dieses Communiqué löste in der Weltöffentlichkeit gemischte Gefühle aus. Einerseits lieferte es den ersten konkreten Hinweis über das Schicksal der polnischen Kriegsgefangenen, die seit 3 Jahren kein Lebenszeichen mehr gegeben hatten. Andererseits schien diese Nachricht insofern wenig glaubwürdig zu sein, als sie von der Hitler-Regierung stammte, die ihrerseits in den von Deutschland besetzten polnischen und russischen Gebieten zahlreiche Massenmorde veranlasst, Auschwitz und andere Konzentrations- und Vernichtungslager errichtet hatte, und die im April 1943 gerade dabei war, mit der blutigen Unterdrückung des Aufstands im Warschauer Ghetto den Genozid von Millionen polnischen Juden zu vollenden.
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Unmittelbar nach dem o.g. deutschen Communiqué – haben unabhängig voneinander - das Deutsche Rote Kreuz, das Polnische Rote Kreuz in Warschau und die polnische (Londoner Exil-) Regierung beantragt, eine Untersuchungskommission des IKRK nach Katyn zu entsenden. Diesem Antrag wurde nicht stattgegeben, da sich die sowjetische Regierung dem kategorisch widersetzte, und das IKRK ohne Einverständnis „sämtlicher beteiligter Parteien“ - also auch den für den Massenmord mutmasslich Verantwortlichen - nicht bereit war, eine solche Aufgabe zu übernehmen. Diese Absage könnte - wie es der Botschafter Paul Stauffer, im November 1989 in den Schweizer Monatsheften geschrieben hat – „als eine Reverenz an die Adresse Moskaus“ verstanden werden. Der über den wahren Tatbestand bestens orientierte britische Premierminister Winston Churchill übte aus Angst von der Gefährdung der Kriegsallianz mit den Sowjets, Druck auf die polnische Exilregierung in London aus, auf ihre Forderung nach der Untersuchung der Angelegenheit durch das IKRK zu verzichten, was auch die Polen paar Tage später getan haben.
Wenig Verständnis für die Forderung der Polen die Angelegenheit durch das IKRK untersuchen zu lassen zeigte auch der Schweizer Gesandte in London Walter Thurnheer. In einem Brief vom 27. April 1943 an das Eidgenössische Politische Departement erinnerte er daran, dass viele Hunderttausende unschuldiger Polen von den Deutschen getötet wurden und schrieb, dass „Unter diesen Umständen den Russen, selbst wenn es zutreffend wäre, für die 10'000 Leichen so intensiv auf den Fersen zu sitzen, scheint mir nicht gerade klug“. |
Dr.
med. Bronislaw Karbowski Siehe Anmerkung
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Nach der Absage des IKRK haben die Deutschen in eigener Regie eine internationale Expertenkommission berufen - der u.a. der Genfer Professor der Gerichtsmedizin François Naville angehörte - und sie beauftragt, die Massengräber in Katyn zu untersuchen. Die Kommission stellte fest, die Erschiessung polnischer Offiziere habe in den Monaten März und April 1940 stattgefunden. Da sich die Gebiete, in denen die Leichen gefunden wurden im Frühjahr 1940 und bis Juni 1941 unter sowjetischer Herrschaft befanden, war der Hinweis auf das Todesdatum gleichbedeutend mit der Feststellung, dass die Sowjets für diese Massenmorde verantwortlich waren. Die
These der Sowjetunion und ihrer Satelliten über den Katynmord Nachdem die sowjetischen Truppen im Sommer 1943 nach Westen vorgerückt sind und u.a. die Gegend von Katyn wiedererobert haben, liessen die Sowjets die dortigen Massengräber durch eigene Experten, unter Vorsitz des Mitglieds der Sowjetischen Akademie der Wissenschaften des Neurochirurgen Nikolai Burdenko, erneut untersuchen, die zum Schluss gelangten, die dort bestatteten Offiziere seien von den Deutschen ermordet worden. Diese These galt als Dogma jahrzehntelang in der Sowjetunion, in ihren Satellitenländern und weltweit bei allen Kommunisten. Merkwürdigerweise hat auch die Journalistin Kathleen Harriman, eine 25-jährige Tochter des amerikanischen Botschafter in der Sowjetunion, die bei den Untersuchungen der Katyngräber durch die Burdenko-Kommission anwesend war, die gleiche Meinung vertreten. Zu erwähnen ist, dass einige Jahre später, 1946, Burdenko, kurz vor seinem Tod, in einem privaten Gespräch zugegeben haben soll, dass er auf persönlichen Befehl Stalins seine damalige Expertise gefälscht hat. Anders lautende, den Russen den Massenmord in Katyn anlastende, Berichte mehrerer U.S.A Bürger wurden vom Präsidenten Roosevelt nicht zur Kenntnis genommen. Als Oberst John Van Vliet, der als amerikanischer Kriegsgefangener in Deutschland die Katyngräber im April 1943 besuchte, die Meinung über die Schuld der Sowjetunion für dieses Verbrechen äusserte, wurde ihm vom Präsidenten streng verboten dies öffentlich zu behaupten. Einem anderen amerikanischen Funktionär, George Howard Earle, der der gleichen Meinung wie Oberst Vliet war, erklärte Präsident Roosevelt im Mai 1944, dass es sich um eine deutsche Intrige handelt und, dass er fest überzeugt ist, dass die Russen für die Massenmorde von Katyn nicht verantwortlich sind. Im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess von 1946 haben die sowjetischen Ankläger gewagt den Deutschen – nebst tatsächlich verübten grausamen Verbrechen - den Katynmord anzulasten. Es war dies wohl ein präzedenzloses Geschehen, dass die für Morde selbst Verantwortlichen als Ankläger gegen Andere aufgetreten sind. In seinem Urteil vom 30. September und 1. Oktober1946 hat das Tribunal - mangels Beweisen – die Deutschen für diese Massenmorde nicht verurteilt und das Massaker von Katyn überhaupt nicht erwähnt. Es interessierte die Richter anscheinend nicht wer die Tausenden polnischen Offiziere ermordet hat. Professor Naville, dem einzigen völlig neutralen und deswegen absolut glaubwürdigen Experten der internationalen Kommission von 1943, wurde 1946 im Genfer Grossen Rat von einem kommunistischen Abgeordneten vorgeworfen, er habe sich bei seiner Beurteilung von den Deutschen beeinflussen lassen. Aus Besorgnis, das schweizerisch-sowjetische Verhältnis könnte gestört werden, hat das damalige Eidgenössische Politische Department (heute EDA) dem Genfer Grossen Rat geraten, die Antwort Professor Navilles auf diese Vorwürfe nicht zu publizieren, was allerdings dennoch geschah. Diese Antwort enthielt u.a. eine Erklärung, dass mit seiner Teilnahme in der Untersuchungskommission Professor Naville „nicht den Deutschen sondern den Polen und der Wahrheit einen Dienst erweisen wollte“. Um die Spuren der sowjetischen Verantwortung für dieses Verbrechen zu verwischen, hat das Präsidium des Zentralkomitees der sowjetischen kommunistischen Partei im März 1959 sämtliche Akten, inkl. der Personaldossiers der Ermordeten, vernichten lassen. Dies obschon der damalige Sowjetführer Nikita Chruschtschow drei Jahre zuvor – in seiner Rede vor dem 20. Parteitag „Ueber Stalinismus und dessen Folgen“ - viele andere Verbrechen schonungslos enthüllt hat. Noch in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts hat sich auch das IKRK – wie 40 Jahre zuvor – geweigert mit den Folgen dieser Massenmorde zu befassen und beim sowjetischen Roten Kreuz oder bei sowjetischer Regierung betreffend Besuchsmöglichkeiten der Katyn-Gräber für Angehörige der Opfer, beziehungsweise der Bekanntgabe der, damals noch unbekannten, Orte der übrigen Massengräber zu intervenieren. Dies angeblich aus Befürchtung eine solche Intervention könnte die Sowjets verärgern und die laufenden Verhandlungen bezüglich Kriegsgefangenen afghanischen Freischärler erschweren. Spätes
Zugeständnis der Sowjetunion 50 Jahre nach dem Geschehen, am 13. April 1990, bestätigte dann schliesslich die sowjetische Nachrichtenagentur TASS, dass die polnischen Kriegsgefangenen im April/Mai 1940 dem NKWD übergeben wurden, dass man seitdem „nichts mehr von ihnen gehört“ hat und dass es sich dabei offensichtlich um „eines der schwersten Verbrechen des Stalinismus“ handle. Einige Monate später wurden auch weitere diesbezügliche Details, inklusive der Orte, wo die Insassen der Lager Ostaschkow und Starobielsk ermordet wurden, bekannt gegeben. Es hat sich erwiesen, dass über den Massengräbern ein Wald gepflanzt wurde und dass man in der nächsten Umgebung Erholungsheime für NKWD-Angehörige errichtet hat.
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Schädelknochen mit typischen Einschüssen in die Okzipitalregion, ausgegraben in Katyn |
Allerdings hat Gorbatschow während seiner Amtszeit die geheimen Dokumente aus dem Parteiarchiv über diese Affäre, insbesondere den Politbürobeschluss vom 5. März 1940, nicht veröffentlichen lassen. Man wollte ihn diesbezüglich, seiner internen Schwierigkeiten wegen, nicht strapazieren. Und man wollte die damaligen mühsamen Verhandlungen zwischen der polnischen Regierung und dem Kreml über den Transit der Sowjettruppen aus Deutschland und über den Abzug der sowjetischen Arme aus Polen durch Drängen auf die endgültige Abklärung der „Katyn-Affäre“ nicht gefährden.
Erst der Nachfolger von Gorbatschow, Jelzin, hat - am 14. Oktober 1992 - den Politbürobeschluss vom 5. März 1940 mit dem Mordbefehl an polnischen Militärs, und einige andere Dokumente, dem polnischen Präsidenten übergeben. |
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Noch im Sommer 1998 als im Waldpark Piatichatki bei Charkow, dem Ort der Massengräber der Kriegsgefangenen aus dem Lager Starobielsk, ein Grundstein für Errichtung eines Friedhofs gelegt wurde, hat sich ukrainische Regierung geweigert, die stalinistischen Urheber der Morde zu nennen. Sie beharrte darauf, dass in einer gemeinsamen polnisch-ukrainischen Erklärung die Ermordeten als Opfer des „Totalitarismus“ bezeichnet werden sollen. Damit bliebe für einen Uneingeweihten die Frage offen, ob hier von einem sowjetischen oder von einem nazistischen Totalitarismus die Rede ist. Ebenfalls über Opfer des „Totalitarismus“ ist auf den Friedhöfen polnischer Militärs in Russland, in Katyn und in Miednoje, die Rede. Als das polnische Konsulat in Charkow kürzlich eine Gedenktafel in Starobielsk betreffend der in einem Klostergebäude 1939-40 inhaftierten polnischen Offizieren anbringen wollte, ist es auf Widerstand der dortigen griechisch-orthodoxen Schwestern gestossen. Epilog
Man dürfte 1943, nach Entdeckung der Massengräber von Katyn, über die sowjetische Verantwortung für die Morde an den polnischen Militärs nicht reden, um die Mörder nicht zu verärgern. Und später, während Jahrzehnten, gab es immer irgendeinen „wichtigen“ Grund um darüber zu schweigen. Daran hat sich bis heute kaum etwas geändert. Nach wie vor sind hier die Opfer „die Friedensstörer“. Als ein polnischer Deputierter im Europäischen Parlament im März 2005 vorgeschlagen hat mit einer Schweigeminute das Gedenken der im Rahmen der „Katyn-Affäre“ durch den NKWD ermordeten polnischen Militärs zu ehren, hat ihm der Parlaments-Präsident geantwortet, dass es nicht möglich ist Schweigeminuten jedem tragischen Ereigniss der Vergangenheit zu opfern. Dass es sich dabei um einen in der neueren Geschichte präzedenzlosen Mord an Tausenden Kriegsgefangenen wehrlosen Offizieren und um den ersten staatlich organisieren Massenmord im 2. Weltkrieg handelte, haben die Leiter des europäischen Parlaments anscheinend „übersehen“. Gegenwärtig verfügt die Russlands militärische Staatsanwaltschaft über 183 Bände von Akten betreffend der „Katyn-Affäre“. Wie aber der Vorsteher dieser Behörde polnischen Vertretern erklärt hatte, enthalten 116 von ihnen Staatsgeheimnisse und können den Polen zur Einsicht nicht überlassen werden. Als ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, beziehungsweise als ein Kriegsverbrechen, wollen die Russen die Massenmorde von Katyn weiterhin nicht anerkennen. Dies können die Polen, insbesondere die Hinterbliebenen der Opfer nicht akzeptieren. Hier wäre daran zu erinnern, was Albert Einstein, im Kontext der Gräuel des 1. Weltkrieges, am 26. April 1919 geschrieben hat: „... ein langsamer Abbau des furchtbaren Hasses nur möglich sein wird, wenn die Wahrheit rücksichtslos aufgedeckt ist“. Im
Uebrigen wurden die Auftraggeber, Organisatoren und Vollstrecker dieser
Morde – von denen einige in den Acht- und Neunziger Jahren des 20.
Jahrhundert noch am Leben waren, nicht vor Gericht gestellt. Dies
betrifft u. a.:
Ein anderer Auftraggeber dieser Massenmorde,
Mikhail Kalinin, wurde nach Kriegsende speziell geehrt, indem die Stadt
Königsberg in Ostpreussen, nach seinen Namen in Kaliningrad umbenannt
wurde. Bereits 1974 hat Alexander Solschenizyn in seinem berühmten „Archipel Gulag“ Folgendes geschrieben: „Weswegen ist es Deutschland gegeben, seine Mörder zu strafen, und Russland nicht ?“ Man muss sich auch fragen weswegen man den Katyn - Morden und den anderen Verbrechen des Stalinismus so wenig Interesse im Westen entgegen bringt ? Als ich kürzlich einen Artikel über Katyn in Berner Zeitung publizieren wollte erhielt ich die Antwort: „Von der Publikation werden wir absehen. So empörend und interessant das Thema ist: Es ist eher ein Einzelaspekt unter all den 60-Jahr-Jubiläen zum Ende des 2. Weltkriegs“. Dabei sollte in der Zeit in der Russland den 60. Jahrestag des Sieges über HitlerDeutschland im 2. Weltkrieg gefeiert hat, an drei Tatsachen erinnert werden: ·
Erstens,
dass der Sowjetsieger Josef Stalin, ein verbrecherischer Tyrann war, der
über 25. Millionen Menschen, unter anderen, 1940, 2 Jahre vor Beginn
des NaziHolocaust, die 22.000 polnische Militärs, töten liess. ·
Zweitens,
dass der 2. Weltkrieg gemeinsam von Deutschland und ihren
damaligen Verbündeten, der Sowjetunion, entfesselt wurde. ·
Drittens,
dass die Sowjetunion im Frühjahr 1945 die baltischen und die ost- bzw.
mitteleuropäischen Staaten zwar von der deutschen Okkupation befreit,
diese aber sich selbst, für Jahrzehnte, unterjocht hat. Zugegebenerweise hat der 2. Weltkrieg die Sowjetunion den grössten Blutzoll gekostet. Damit hat sie ihre Schuld für die Allianz mit Nazi-Deutschland in den Jahren 1939 – 41 möglicherweise beglichen. Die Verbrechen der Sowjetunion gegen die Menschlichkeit, unter ihnen die Massenmorde von Katyn, sind hingegen ungesühnt geblieben.
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Anmerkung: Der Verfasser dieses Artikels ist Schweizerbürger polnischer Abstammung. Sein Vater Dr.med. Bronislaw Karbowski, Reserve-Major der Sanitätstruppen des polnischen Heeres, war 1939/40 im sowjetischen Kriegsgefangenenlager in Starobielsk inhaftiert. Er wurde im Frühling 1940, im Alter von 55 Jahren, in Charkow von dem NKWD ermordet. |