EIN SONDERBARES SCHWEIGEN

 

Kazimierz Karbowski, Muri b. Bern

 

   In einem Artikel, der auf Deutsch in der „Nasza Gazetka“  2/2006 publiziert wurde, habe ich die Geschichte des präzedenzlosen stalinistischen Mordes an Tausenden kriegsgefangenen, wehrlosen,  polnischen Offizieren im Frühjahr 1940 geschildert. Er ist unter der Bezeichnung „Massaker von Katyn“ bekannt.

 

   Über „Katyn und die Schweiz“ und über andere medizinische Expertisen bei humanitären Krisen wurde in Genf vom 18. bis 21. April 2007 im Rahmen eines internationalen Symposiums debattiert. Es wurde vom Internationalen Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) und der Genfer Universität organisiert. Aktive Teilnehmer waren namhafte Historiker, Mediziner – Gerichtsmediziner inbegriffen - und Juristen aus 12 Ländern. Den Verlauf des Symposiums hat  Herr J.A. Konopka in der „Nasza Gazetka“ 2/2007 auf Polnisch detailliert geschildert.

 

   In der gleichen Gazetkanummer, habe ich – ebenfalls auf Polnisch – darüber berichtet, dass am Rande dieses Symposiums, am  19. April 2007 eine Feier in der polnischen Mission bei der Organisation der Vereinten Nationen stattfand, anlässlich der posthumen Auszeichnung durch den Präsidenten der Republik Polen des Genfer Gerichtsmediziners Professor François Naville (1883 – 1968), „für seine hervorragenden Beiträge bei der Wahrheitssuche und ihrer Dokumentierung betreffend des Massakers von Katyn.“ Der Botschafter der Republik Polen in der Schweiz S.E. Janusz Niesyto, hat an diesem Abend den betagten Töchtern von Prof. Naville einen hohen polnischen Orden überreicht.

 

   Sowohl über das Symposium als auch über die letzterwähnte Feier haben die Organisatoren die Presse rechtzeitig orientiert.

 

   Es ist kaum zu glauben, dass die Genfer Presse  mit keinem Wort das Symposium und die Auszeichnung von Prof. Naville erwähnte. Dies obwohl in den Jahren 1943 – 1947 Vieles über die Massenmorde von Katyn und über die „Affäre  Naville“, der seinerzeits von einem kommunistischen Abgeordneten im Genfer Grossen Rat als ein „Kollaborant der Deutschen“  gebrandmarkt wurde, zu lesen war. Auch keine andere schweizerische Zeitungen, weder das Radio, noch das Fernsehen haben die beiden Ereignisse von April 2007 erwähnt. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass diese Massenmedien das Symposium und die Auszeichnung von Prof. Naville als unwürdig einer Berichtserstattung betrachteten. Es ist vielmehr zu vermuten, dass es ihnen inopportun schien, Russland im gegenwärtigen Zeitpunkt durch die Erinnerung ihrer Verantwortung für die Massenmorde von Katyn zu brüskieren.

 

  Ich wiederhole abschließend, was ich in meinem eingangs erwähnten Artikel von 2006 bereits geschrieben habe: Man durfte 1943, nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn, über die sowjetische Verantwortung für die Morde an den polnischen Militärs nicht reden, um die Mörder nicht zu verärgern. Und später, während Jahrzehnten, gab es immer einen „wichtigen“ Grund, um darüber zu schweigen. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Nach wie vor sind hier die Opfer „die Friedensstörer.“    

  

   Anschrift des Verfassers: Prof. Dr. med. K.Karbowski,  Waldriedstrasse 54, CH-3074 Muri  b. Bern. Email: karbowski@freesurf.ch