22. Oktober 2010, Polenmuseum Schloss Rapperswil

 

Buchvernissage 

Die in der Schweiz internierten polnischen Soldaten (1940 bis 1945)

 

Claude Janiak, 

Ständerat BL Nationalratspräsident 2006

Meine sehr verehrten Damen und Herren

Die meisten hier Anwesenden kennen die Geschichte Polens und seiner Internierten in der Schweiz. Sie wissen, dass die polnische Armee in Frankreich aus Emigranten bestand, die auf abenteuerlichen Wegen nach Frankreich gelangt waren. Sie kennen das Schicksal der polnischen 2. Schützendivision unter der Führung von General Bronislaw Prugar-Ketling, welche am Vortage der Kapitulation Frankreichs in der Nacht vom 19. zum 20. Juni 1940 die Grenze Frankreichs zur neutralen Schweiz überschritt und sich in Internierung begab. Sie wissen, dass von über 12’000 internierte Polen 8’500 verstreut in der ganzen Schweiz in kleinen Gruppen arbeiteten und vor allem im Gebirge Strassen und Brücken bauten, die für General Guisans

 

Konzept des «Reduit» äusserst wichtig waren. Durch Meliorisierungsarbeiten konnte dank ihrer Hilfe die Vorkriegsanbaufläche verdoppelt werden. Sie wissen, dass ungefähr 2’000 Polen auf Bauernhöfen arbeiteten und einzelne hoch qualifizierte polnische Bergleute seit Jahren stillgelegte Kohlen- und Erzgruben wieder instand setzten. Einige hundert Internierte konnten in den Berufsschullagern Berufsausbildungskurse auf verschiedensten

 

 Gebieten wie Landwirtschaft, Handel und Elektrotechnik absolvieren und wurden dabei mit schweizerischen Werkzeugmaschinen vertraut gemacht. Sie erinnern sich daran, dass ungefähr 1’000 Soldaten zum Studium in die Universitäts- oder ins Gymnasiallager verlegt wurden und dass das Gymnasiallager in Wetzikon die Möglichkeit bot, in polnischer Sprache die Maturität zu erlangen.  

 Ich spreche heute zu Ihnen als einer von jenen, deren Existenz eng mit der polnischen Geschichte verbunden ist. Unser Vater ist zusammen mit der polnischen Armee vor 70 Jahren in die Schweiz gekommen. Aber er erzählte kaum aus jener Zeit. Schon als Kinder wussten wir natürlich, dass er Pole war (und wir noch immer Polen sind) und dass er in Frankreich gegen die Wehrmacht kämpfte. Wir wussten, dass er zusammen mit seiner Einheit nach einer verrückten Reise über Südosteuropa nach Frankreich kam, im Jura die Schweizer Grenze überschritt und interniert wurde. Mein Vater hatte wie seine Kameraden Glück. Er überlebte einen mörderischen Krieg. Und er fand in einem friedlichen Land Zuflucht. Er konnte studieren, er verliebte sich, er gründete eine Familie. Doch über seine Gefühle von damals, seine Sehnsüchte, über seine Ängste und seine Freuden in den Kriegsjahren erzählte unser Vater kaum.

Auch über das, was die Jurassischen Frauen, Männer und Kinder damals fühlten und erlebten, wissen wir wenig. Da kamen Männer, Soldaten mit fremder Sprache, Reste einer geschlagenen Armee. Vielleicht können wir es uns vorstellen: Die Schweizer Männer im Dienst, die Angst vor dem Krieg in allen Köpfen und die drückende Mühsal eines strengen Alltags. Und trotzdem nahm man die internierten Fremden auf. Wir wissen, die Skep­sis war gross, die Behörden warnten ausdrücklich davor, „Umgang zu pflegen“ mit den Internierten, sittlich und in gesundheitlicher Beziehung seien diese nicht einwandfrei. Wir wissen aber auch, dass Männer, Frauen und Kinder den Fremden so begegneten, wie das Menschen halt tun. Misstrauisch und neugierig am Anfang; rasch aber selbstverständlich, mitfühlend und freundlich.  

 

Die Episode ging rasch vorüber, vergessen ging sie aber nie. Das Interesse am Verhalten der Schweiz im Zweiten Weltkrieg war eine Zeitlang gross. Historiker, Filmemacher und Nachfahren haben sich der Internierten erinnert. 

Ständerat Claude Janiak mit Schwester (links) 

und Direktorin des Polensmuseums Anna Buchmann  (rechts).  

Aber wie sieht es heute bei der breiten Bevölkerung in der Schweiz aus?  

 

Was wissen die Schweizerinnen und Schweizer, die in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts geboren wurden, über diese Zeit? Leider herzlich wenig. Wer weiss noch, dass die Schweizer Behörden es zuliessen, dass auch eine Ausbildung für Offiziersanwärter durchgeführt werden konnte? Nach der Ermordung von über 14’000 polnischen Offizieren 1940 durch die sowjetische Geheimpolizei war die Möglichkeit einer militärischen Ausbildung für die Aufrechterhaltung des polnischen Widerstandswillens elementar. Will man sich heute informieren, schlägt man am ehesten bei Wikipedia nach und kann dort lesen, dass während des 2. Weltkriegs im Juni 1940 die 2. Polnische Schützendivision nach Kämpfen gegen die Deutsche Wehrmacht in Frankreich mit rund 13’000 Soldaten in die Schweiz abgedrängt und interniert wurde. Und Sie können nachlesen, dass in der Schweiz bis heute Wald- und Naturwege, die von diesen Soldaten angelegt wurden, als Polenwege bezeichnet werden. Insgesamt handelt es sich dabei um 450 km Wege, Brücken und Kanäle. Eine Kapelle in der Nähe von Ruis/Rueun in der bündnerischen Surselva erinnert an die polnischen Soldaten.

 

Geschichte geht vergessen, wenn sie nicht gepflegt und weitergegeben wird. Dafür gibt es Museen, Historikerinnen und Historiker und Buchautoren. Das vom Landesverband der ehemaligen Soldaten Polnischer Streitkräfte im Westen unter ihrem Präsidenten Wlodzimierz Cieszkowski herausgegebene und nun vorliegende Buch trägt dazu bei, dass die Geschichte der polnischen Internierten in der Schweiz auch bei uns nicht in Vergessenheit gerät. Im vorliegenden Buch werden nicht etwa bloss Erinnerungen zusammen geklaubt, sondern es wird akribisch aufgezeichnet, wie die Internierten damals lebten und was sie machten. Es hilft uns, zu verstehen und uns vorzustellen, was damals war und wie unsere Väter diese Zeit erlebten. Und wir können uns sogar vorstellen, wie es für unsere Mütter, die ihre polnischen Männer kennen lernten, gewesen sein muss.

 

Wir erkennen, dass in jenen Jahren der Gefahr neben unmenschlicher Bürokratie auch persönliche Menschlichkeit gedieh. Wir lernen, dass man den geschlagenen Fremden, auch in Zeiten eigener Not, eine sichere Bleibe bot. Wir lernen somit auch viel über unser Land, die Schweiz, wir erfahren viel über seine Dörfer und die Menschen von damals, wir können uns ihre Ängste, Vorurteile und Vorbehalte vorstellen. Vor allem aber erkennen wir die Fähigkeiten der Menschen, ihre Ängste, Vorurteile und Vorbehalte beiseite zu legen. In der Schweiz entstanden Freundschaften und Familien. Es wurde musiziert, Theater gespielt, die Internierten waren gar zur Attraktion geworden.

 

Vielleicht hat unser Vater, haben alle unsere Väter und Mütter zu wenig erzählt aus jener Zeit vor gut fünfundsechzig / siebzig Jahren. Was wir heute dank dieses Buches auffrischen können, ist es wert, nicht in Vergessenheit zu geraten. Ich freue mich über das Buch, es ist ein Zeichen gegen das Vergessen. Und ich verstehe es auch als Dank für Menschlichkeit.

                                                                                     

                                                                                                                          Claude Janiak

                                                                                                                   Ständerat Basel-Landschaft

                                                         Nationalratspräsident 2006